Venezuela: November 2009

Nach alter Tradition steht der Grenzübertritt mal wieder an einem Sonntag an, selbstverständlich bestens darüber informiert, dass auch alle Grenzposten geöffnet sind.

 

Auf brasilianischer Seite geht alles ganz schnell und unbürokratisch, ein wenig smalltalk und schon ist alles erledigt, nur auf venezolanischem Boden sind leider alle Beamte ausgeflogen. Ein einsamer Grenzer bewacht die Schranke und scheucht uns in die Abteilung zur Fahrzeugeinfuhr, in der auch tatsächlich nach 10 Minuten eine junge Dame auftaucht, die sehr freundlich mit ihrer Arbeit beginnt. Diverse Formulare sind auszufüllen, Kopien werden angefertigt und zum Schluss folgt die Frage nach einer Fahrzeugversicherung, die wir jedoch nicht besitzen. Liebenswerter Weise hilft die Dame mir auf die Sprünge, in dem sie nach einer internationalen Police fragt und nicht etwa nach einer venezolanischen. Diese besitzen wir zwar auch nicht, aber bei mir klingeln einige Glöckchen und flugs hole ich unsere grüne Versicherungskarte mit dem darauf befindlichen Zauberwort „International“ hervor.

 

Weitere Kopien folgen und kurze Zeit später sind alle Anwesenden glücklich. Danach heißt es abermals warten, dieses Mal sind es 30 Minuten, und dann beginnt der Mensch von der Einwanderungsbehörde endlich seinen Dienst. Es ist ja schließlich Sonntag, da muss man anscheinend nicht alles so genau nehmen schon gar nicht den Arbeitszeitbeginn, schlussendlich stempelt er aber ganz flugs das Visum in unsere Pässe, verzichtet auf die Kontrolle der Gelbfieberimpfung und schon streben wir gen Santa Elena.

 

Von Anna aus Boa Vista als Boten eingesetzt, gilt es ein großes Stück Tofu bei Manfred, der hier eine Posada betreibt, abzugeben. Sein Gästehaus zu erreichen ist etwas beschwerlich, es geht steil und ziemlich rumpelig bergauf, aber die Lage und das angenehme Klima verleiten uns zum Verbleib. Außerdem besitzen wir keinen einzigen Bolivar und Manfred gewährt uns großzügig ein Abendessen auf Kredit. Kein Wunder bei den gesalzenen Preisen!

 

Am nächsten Morgen nimmt er uns mit in den staubigen Ort, damit wir bei einem privaten Geldwechsler einen günstigen Kurs bekommen, denn bei einem offiziellen Wechsel in einer Bank bekommt man für 1,- USD 2,- BsF, hier hingegen für 1,- USD 6,- BsF. Das macht das, wie wir beim Einkauf sogleich feststellen, bis auf die Benzin- und Dieselpreise, sehr teure Venezuela einigermaßen bezahlbar. Nicht nur, dass wir von Hüh nach Hott laufen müssen, das Gemüse ziemlich faul aussieht, die Verkäuferinnen schlecht gelaunt sind und es weder Eier noch Bier gibt, nein, das wenige, was es gibt, ist auch noch schweineteuer. An den Tankstellen sieht es ebenfalls ziemlich desolat aus, vor den Zapfsäulen für Benzin stehen kilometerlange Schlangen und Diesel gibt es heute überhaupt nicht. Aufgrund der billigen Spritpreise fahren im Süden Brasilianer und im Norden Kolumbianer nach Venezuela zum Tanken. Damit nicht alles völlig chaotisch abläuft und dem Schmuggel etwas Einhalt geboten wird, wird die Benzinzuteilung von Soldaten kontrolliert, die uns auf Nachfrage erklären, dass es morgen Diesel geben soll. Solange wollen wir nicht mehr in diesem Nest verbringen und unterwegs wird wohl die eine oder andere Tankstelle über Diesel verfügen.

Santa Elena liegt an der Südspitze des gewaltigen Canaima Nationalparks, in dessen Mitte sich die Gran Sabana befindet, ein Hochplateau auf 1000 m voller Wasserfälle und den ältesten Tafelbergen der Welt, die Tepuis genannt werden. Es geht durch hügelige Landschaft und bei einem Zwischenstopp schauen wir uns die Quebrada de Jaspe an, ein Flussbett aus dem roten Halbedelstein Jaspis.

 

Um noch ein wenig die kühlen Nächte der Hochebene genießen zu können, quartieren wir uns bereits am frühen Nachmittag am Kama-Wasserfall auf einer grünen Wiese ein. Leider können wir die Idylle nicht so wirklich genießen, denn die allgegenwärtigen Sandflies machen uns das Leben hier derart schwer, dass wir sogar unser australisches Mückenzelt in den Einsatz bringen müssen. Schade, dabei hätte es hier so schön sein können.

Wir verlassen die Gran Sabana mit einer kurvenreichen Abfahrt mitten hinein in den Urwald und befinden uns in einem Gebiet von Goldgräbern und anderen rauen Gesellen. In den kleinen Orten, die oftmals nur aus Wellblechhütten bestehen, kann man die Schilder „An- und Verkauf von Gold“ nicht übersehen. Ebenso wie die große Schweizer Flagge, die am Ufer des Rio Cuyuni am Camp von Bruno, weht.

 

Bruno macht seinem Ruf alle Ehre und beginnt bereits kurz nach unserem Eintreffen phantastische Geschichten zu erzählen. Unter anderem von Chavez-Anhängern, die sich sein Land unter den Nagel reißen wollen und ihm nach dem Leben trachten, wie die unzähligen Narben, mit denen man seinen Bauch nach 7 Schusswunden wieder zusammengeflickt hat, eindrücklich beweisen.

 

Wir beschließen über Nacht zu bleiben und suchen uns ein idyllisches Plätzchen am Fluss. Beim Einbruch der Dunkelheit währt die Idylle nicht lange, denn plötzlich peitschen Schüsse durch die Nacht und während wir noch rätseln, ob es tatsächlich Schüsse waren, läuft Bruno herbei. Er erzählt, dass die Schmuggler, die Drogen und Waffen etc. nach Guyana schmuggeln, über diesen Fluss fahren und eigentlich bei den Militärposten anhalten, um einige Bestechungsdollar zu bezahlen. Wenn sie das nicht tun, dann schießen die Soldaten von der Brücke auf die Boote der Schmuggler, aber wir sollten uns keine Sorgen machen, die Soldaten würden sowieso nicht treffen. Kaum hat er dieses ausgesprochen, hören wir lautes Geschrei und Getöse und eine trockene Bemerkung von Bruno: „ Oh, heute scheinen sie doch getroffen zu haben!“

 

Irgendwie ist uns die Luft hier doch zu bleihaltig und aufregend und so ist es nicht verwunderlich, dass wir am nächsten Morgen bereits zeitig aufbrechen. Über Ciudad Guyana am Rio Orionco fahren wir weiter nach Ciudad Bolivar und zur Posada La Casita (www.posada-la-casita.com) , deren deutscher Besitzer Peter uns freundlich begrüßt. Wir bekommen sogar einen 220 Volt Stromanschluss zum Betrieb unserer Klimaanlage, aalen uns im Swimmingpool, surfen kostenlos im Internet, kurz gesagt, wir fühlen uns einfach sauwohl.

 

Endlich finden wir die Muße, uns mit der anstehenden Verschiffung nach Zentralamerika zu beschäftigen. Wir finden relativ schnell heraus, dass es hier im Norden Südamerikas nur 2 RoRo- Verbindungen gibt. Die eine erfolgt von Manta in Ecuador nach Panama oder Costa Rica, die andere von Puerto Cabello/Venezuela oder Cartagena/Kolumbien nach Panama. Wie immer müssen zuerst etliche Emails geschrieben werden bevor es endlich mal eine Antwort gibt und wir eine Entscheidung treffen können. Die Verschiffung von Manta ist uns einfach viel zu teuer und die Variante Venezuela deutlich zu gefährlich, also bleibt schlussendlich Cartagena nach Colon in Panama übrig. Am Dienstagmorgen, als wir uns eigentlich ganz gemütlich auf den Weg machen wollen, erhalten wir von einem Wallenius Wilhelmsen Agenten aus Bogota die Nachricht, dass das nächste Schiff Cartagena bereits am 17.11. verlässt.

 

Trotz einiger Telefonate und tatkräftiger Übersetzungshilfe von Peter können wir vor der Abfahrt nicht mehr klären, wann wir in Cartagena sein müssen und somit heißt es jetzt aber sputen. Im Schweinsgalopp jagen wir über die Autopista, jedenfalls solange man uns lässt, denn die Polizei hat dort feste Kontrollposten errichtet, die anscheinend nur auf Turistas gewartet haben.

 

Manchmal werden wir bereits nach 1 km erneut gestoppt und nach sämtlichen Papieren befragt, eine recht nervige Prozedur und so kommt es, wie es kommen musste. Als ein zum Schülerlotse degradierter Jungbulle, die heute bereits zum 30zigsten Mal kontrollierten Dokumente als falsch und gar Juppis Führerschein als nicht zulässig bezeichnet, platzt diesem der Kragen. Ehe ich mich versehe, springt er aus Monster, rennt zu dem verdutzten Polizisten, beschimpft diesen wüst mit deutschen Worten, schnappt sich unsere Papiere, entschwindet im Auto und braust davon. Ich krieg’ mich nicht mehr ein und noch lange kann ich im Rückspiegel einen Polizisten sehen, der fassungslos da steht.

 

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit finden wir in einem kleinen Örtchen doch tatsächlich noch ein Internetcafe, in dem wir nachschauen wollen, ob wir nun endlich eine Antwort aus Bogota erhalten haben. Schau an, die Antwort ist tatsächlich da, aber der Text gefällt uns in keiner Weise, denn wir sollen bereits morgen oder Donnerstag in Cartagena sein. Ein völlig unmögliches Unterfangen und so bemühen wir abermals ein Telefon. Der Anruf in Bogota ist ebenfalls ziemlich unmöglich, denn unsere Ansprechpartnerin Paola spricht entweder kein englisch oder will mit uns nichts zutun haben, denn das ganze Gespräch läuft nicht nur über eine schlechte Verbindung, sondern auch noch über eine Dolmetscherin, die abwechselnd spanisch und englisch spricht. Das Ende vom Lied: Wir sollen innerhalb der nächsten 10 Minuten eine Email mit sämtlichen Details erhalten. Also weiterhin warten, immerhin in netter Gesellschaft, denn für die beiden jungen Besitzer des Internetladens sind wir äußerst interessant und so werden wir fleißig belabert.

 

Unsere dezenten Hinweise, dass wir nur ein bisschen spanisch sprechen helfen nicht wirklich, wie übrigens in ganz Südamerika. Die Leute werden durch solche Hinweise nur dazu genötigt noch schneller und vor allen Dingen lauter auf uns ein zu reden. Aus 10 Minuten werden 30 und, man sehe und staune, es folgt eine Email von Paola. Genau in dem Moment als wir diese öffnen wollen, bricht das Stromnetz zusammen, das ganze Dorf ist stockdunkel und auf unserem Bildschirm tut sich natürlich auch nichts mehr. So eine Sch.., wir warten weitere 45 Minuten auf die Rückkehr des Stroms und geben dann entnervt auf.

 

Diese Stromausfälle sind in Venezuela mittlerweile an der Tagesordnung, denn der gute Hugo (Staatspräsident) hat kurz entschlossen sämtliche Mitarbeiter der Firma Siemens aus dem Land befördert, um fortan die Energieversorgung von Einheimischen erledigen zu lassen. Diese Jungens sind nun so erfolgreich, dass von 20 Turbinen des größten Stauwerks des Landes nur noch 2 in Betrieb sind, da man die Wartung als etwas überflüssig betrachtet hat. Im Übrigen nicht die einzige solcher Aktionen, u.a. verfügt die Hilton-Kette nun über einige Hotels weniger, die Hugo spontan zum Staatseigentum erklärt hat. Soviel zum Sozialismus.

 

Am nächsten Morgen, nächster Ort, nächstes Internetcafe, nächstes Telefonat, alles ohne Erfolg, entnervt geben wir auf und begraben unseren Verschiffungstermin für den 17.11. Stattdessen ändern wir unsere Route, fahren nicht wie geplant zur Grenze an der Karibikküste, sondern nach San Cristobal um von dort nochmals nach Armenia auf die Hacienda Bambusa, die wir von einem Besuch vor 14 Monaten kennen, zurückzukehren. Doch zuvor gilt es die Grenze zu erreichen und tatsächlich auch passieren zu können, denn unser Freund Hugo hat zum Säbelrasseln aufgerufen und Kriegsdrohungen gegen Kolumbien ausgesprochen. Immer wieder hören wir von Einheimischen Geschichten von geschlossenen Grenzen, die nicht zu unserer Beruhigung betragen. Je näher wir dem kleinen Grenzort San Antonio kommen, umso chaotischer wird der Verkehr, uns kommen ungezählte Pkws entgegen. Wo kommen die denn alle her? Ist die Grenze bereits geschlossen und diese Leute alle zum Umkehren gezwungen?

 

Wir sind recht gespannt als wir in einer langen Schlange schließlich in die Nähe des Grenzpostens gelangen bevor wir von einem Soldaten gestoppt werden. Dieser macht eine grimmige Miene und fordert im Befehlston unsere Dokumente, nicht ahnend, dass er so auf taube Ohren trifft. Wir verstehen schlicht weg gar nichts mehr, schon gar nicht als er in unseren prall gefüllten Tank schauen will, der spinnt wohl?? Das höchste der Gefühle ist ein Blick durch unsere Türe, selbstverständlich ohne die im Eingang stehende Leiter herunter zu lassen. Der Typ muss denken, wir seien völlig durchgeknallt, wir hören nix, verstehen nix, sprechen nix und grinsen blöd, bevor das schlimmer wird, schickt er uns vorsichtshalber weiter.

 

Innerlich noch lachend, lassen wir unsere Pässe abstempeln, erhalten die Ausfuhrpapiere für Monster und steuern die Grenzbrücke an. Übrigens zusammen mit ungezählten Venezolanern, die bis unters Dach mit Schmuggelsprit beladen sind und noch nicht einmal Grenzformalitäten erledigen müssen.