Brasilien: Oktober 2009

Bevor das vermeintliche Abenteuer „Tranzamazonica“ beginnen kann, haben wir in der Nacht zuvor ein Erlebnis der anderen Art.

 

Schon beim Zubettgehen hat Jupp kurz den Eindruck in etwas Kaltes gefasst zu haben, da wir aber bei näherer Betrachtung nichts feststellen können, zucken wir mit den Achseln und legen uns aufs Ohr. Bereits entschlummert, weckt mich zuerst ein gellender Schrei meines Göttergatten und dann folgt sein Sprung aus dem Bett. Die Worte „mir ist ein Tier in den Rücken gesprungen!!“ lösen eine hektische Suche aus, nur leider wissen wir nicht wonach. Erst einige Zeit später entdecken wir an unserer weißen Wand einen kleinen, grünen Frosch, der mindestens genauso verwirrt ist wie wir. Bevor wir den Übeltäter aber ergreifen können, hüpft der schon wieder an eine andere Stelle und die Suche beginnt von neuem. Schließlich gelingt es ein Handtuch über das verschreckte Tier (nein, nicht Jupp) zu werfen, ihn an die frische Luft zu befördern und doch noch in den wohlverdienten Schlaf zu sinken.

 

Etwas unausgeschlafen starten wir die ersten Kilometer Transamazonica, die zunächst noch Baustelle sind und dann alte Piste, wo der Wald bis an die schmale Fahrspur reicht.

 

Doch bald schon verwandelt sich die Piste in eine autobahnähnliche Strecke, wobei man teilweise glaubt, sich auf einer Achterbahn zu befinden, Gefälle und Steigungen bis zu 15% sind an der Tagesordnung. Für heute jedoch stellen diese auf neuer Trasse überhaupt kein Problem dar.

 

Das dicke Ende folgt erst am nächsten Morgen. In aller Herrgottsfrühe, sprich bei völliger Dunkelheit, heißt es aufstehen und als wir bei Anbruch der Dämmerung losfahren, beginnt es zu regnen. Unseren Nachtplatz zu verlassen bereitet Monster schon einige Schwierigkeiten, aber so richtig lustig wird es erst, als wir die Piste erreichen. Was nun folgt, liegt sicherlich nicht an Monsters Unausgeschlafenheit, sondern schlicht einfach daran, dass sich der Lehmboden bei Regen in eine Rutschbahn verwandelt.

 

Obwohl im Schritttempo unterwegs, stellt Monster sich plötzlich quer, rammt einen umgestürzten Baum und schlingert den Abhang hinunter. Gottlob erreichen wir kurz darauf eine Steigung und so kommen wir mit klopfendem Herzen und ohne Überschlag wieder zum Stillstand. Puh, so etwas bitte nicht noch einmal und somit bleibt uns nur abzuwarten. Nach 3 Stunden ist es endlich soweit, der Nieselregen hat aufgehört, die Piste ist etwas abgetrocknet, es kann weitergehen. Ob nun dieser Aufenthalt den Zeitplan unseres Begleiters durcheinander gebracht hat, wissen wir nicht, aber wir wissen, dass wir die nächsten beiden Tage 12 Stunden täglich im Schweinsgalopp durch die Landschaft rasen und dass das absolut nicht unserem Reisetempo entspricht. Es ziehen Wolken am Beziehungshimmel auf und bevor es ein Unwetter gibt, beschließen wir uns zu trennen und jeder für sich weiterzureisen. Wie kann man sich in einem Menschen doch täuschen, gell?

 

Alles in allem überwiegen aber doch die schönen Momente,

z.B. als ein Dreizehenfaultier unseren Weg kreuzt und sich in aller Seelenruhe fotografieren lässt und auch die eine oder andere abenteuerliche Holzbrücke lässt zwischendurch unsere Herzen etwas schneller schlagen.

Wir erreichen Puerto Velho und wollen eigentlich nur unsere Treibstoffreserven auffüllen, doch zu unserem Erstaunen wird Monster gleichzeitig von allen Lehmspuren befreit und gründlich gewaschen. Das nennen wir doch mal Service und da uns die Tanke sicher und ruhig erscheint, bleiben wir gleich für die Nacht.

 

Leider fällt der Bildschirm unseres Läppis in dieser Nacht einem heimtückischen Anschlag zum Opfer. Wie es immer so ist, führen mehrere Umstände zu seinem Tode, denn eigentlich steht das gute Stück niemals über Nacht auf dem Tisch und eigentlich haben wir unseren zusätzlichen Ventilator schon seit einem Jahr nicht mehr ins Fenster eingebaut. Aber eben alles nur eigentlich und so werden wir nachts von einem lauten Poltern geweckt. Ziemlich schlaftrunken packen wir nur den Ventilator wieder zurück und bemerken das Dilemma erst am nächsten Nachmittag beim Betrachten eines merkwürdig bunten Bildschirmes. Wie heißt es immer so schön? Shit happens!!

 

Schließlich geht das Leben weiter und der Kampf um einen Platz auf einem Ponton auf dem Rio Madeira nach Manaus, lässt mich andere Dinge für eine Weile vergessen. Es gibt 3 Gesellschaften, die Lkws auf Schubschiffen transportieren und 2 davon weigern sich schlicht weg andere Passagiere als den Fahrer mitzunehmen. Erst bei der Firma Ronav (lins@venbrax.com) werden wir fündig, der Chef Lins scheint zumindest keine Probleme mit einem Beifahrer zu haben, nur ob er morgen auch einen freien Platz hat, steht noch in den Sternen.

 

Jedenfalls sollen wir um 9.00 Uhr am nächsten Morgen im Office sein und dann wird es sich entscheiden. Da wir sowieso keinen besseren Stellplatz haben, bleiben wir gleich an Ort und Stelle stehen und erinnern Lins allein schon durch unsere Anwesenheit an sein Versprechen.

 

Wir hätten es eigentlich wissen müssen, dass am nächsten Morgen natürlich noch gar nichts geklärt ist, denn schließlich sind wir nach wie vor in Südamerika und so zieht es sich schlussendlich bis 14.00 Uhr am Mittag bis wir das O.K. bekommen. Nach einem Tag in brütender Hitze werden wir als letztes Fahrzeug verladen und Monster findet ein Plätzchen ganz vorne auf dem zweiten Ponton, umgeben von Kühltransportern. Das kann ja heiter werden wenn nun 4 Tage lang die Generatoren neben uns brüllen, aber wir haben es ja schließlich so gewollt, gell? Im Endeffekt ist es dann gar nicht so schlimm, denn die Aggregate werden nachts abgestellt. Nein, nicht etwa mit Rücksicht auf unseren ungestörten Schlaf, sondern weil man auf diese Art und Weise Treibstoff einspart, den man später gewinnbringend verkaufen kann. Uns kann es egal sein, wir genießen die Tage auf dem Rio Madeira im Schatten sitzend und lassen Amazonien an uns vorüberziehen.

Wir sehen die Amazonasdelphine, das sind ca. 2-3 m lange Tiere, deren Farbe sich mit zunehmendem Alter von silbergrau in rosa verändert. Sie tauchen zwar immer nur kurz und kommen etwa alle dreißig Sekunden zum Luftholen an die Oberfläche, aber vollführen so gut wie nie Sprünge, was das Fotografieren schier unmöglich macht.

 

Am Samstag erreichen wir ca. 10 km vor Manaus ein interessantes Phänomen, das „Encontro das Aguas“, den "Treffpunkt der Gewässer", wo das tintenblaue Wasser des Rio Negro auf das zitronengelbe Wasser des Rio Solimões trifft. Die Flüsse vermischen sich erst nach einigen Kilometern, da sie verschiedene Dichte, Temperaturen und Geschwindigkeiten haben.

 

Sonntagmorgen in aller Frühe ist es soweit, Manaus, die Hauptstadt des brasilianischen Bundesstaates Amazonas ist erreicht. Sie liegt am Rio Negro, elf Kilometer entfernt von dessen Mündung in den Amazonas.

 

Wieder einmal heißt es warten, wir können zwar als erstes Fahrzeug den Ponton, aber leider nicht den Hafen verlassen, denn wir benötigen irgendein Papier, das angeblich auch heute, am Sonntag, ausgestellt wird. Die Stunden vergehen und siehe da, gegen 12.00 Uhr erscheint ein Herr der Finanzbehörde und beginnt die Frachtpapiere der Lkws zu kontrollieren. Jetzt ist es aber genug, wir haben doch gar keine Fracht! Entschlossen marschiere ich in das Büro, erkläre unsere Situation und stehe 1 Minute später genauso schlau wie vorher wieder vor der Türe. Aber irgendetwas scheint es dennoch bewirkt zu haben, denn kurze Zeit später bekommen wir einen Zettel in die Hand gedrückt und können nach 4 Stunden in sengender Hitze endlich hier verschwinden.

 

Unser heutiges Ziel ist das Ressort von Tommy, einem Deutschen, der mit brasilianischer Frau und Tochter seit 16 Jahren in Manaus lebt. Er organisiert Brasilien- und Amazonasrundreisen (www.amazontommytours.de) und betreibt eben dieses kleine Gästehaus, das wir nun ansteuern.

 

Dort angekommen, treffen wir zwei weitere Reisende, Sonja und Martin, die mit ihrem VW-Bus bereits auf Tommys kleinem Innenhof parken. Monster macht seinem Namen mal wieder alle Ehre und wir werden aufgrund seiner Größe beim Nachbarn im eingezäunten Vorgarten untergebracht. Am Abend gibt es natürlich viel zu erzählen, doch leider trennen sich unsere Wege bereits am nächsten Tag, denn Sonja und Martin wollen ihren Bus nach Florida verschiffen und haben es etwas eilig.

 

Uns hingegen zieht es in die Innenstadt um einen neuen Bildschirm für unseren Läppi aufzutreiben, wozu Tommy uns großzügig seine Hilfe anbietet. Mit einem Taxi fahren wir in die City und wider Erwarten werden wir im 2. Laden schon fündig, der „Notebook-Doktor“ verlangt zwar einen, wie uns scheint, horrenden Preis, 450,- Reais werden fällig, aber irgendwie haben wir wohl auch nicht die große Auswahl und somit ist der Läppi nach 1 Stunde wieder einsatzbereit. Wir trennen uns von Tommy und die Erkundung von Manaus steht auf dem Programm.

 

In der Zeit zwischen 1870 und 1910 wurde die Stadt durch den Kautschukboom bekannt, da die Region lange Zeit der einzige Lieferant von Kautschuk war. Heute kennt man Manaus nicht wegen des Kautschuks, sondern eher wegen des Theaters Teatro Amazonas, dem wir selbstverständlich auch einen Besuch abstatten.

 

Das Teatro Amazonas ist ein Opernhaus im Stil der italienischen Renaissance, in dem 685 Zuschauer Platz finden, obwohl es uns deutlich kleiner erscheint. Die Oper wurde durch Einnahmen des Kautschukbooms finanziert und fast ausschließlich mit Materialien gebaut, die aus Europa oder anderen Teilen der Welt eingeführt wurden. So wurden beispielsweise die Kacheln der Kuppel aus Deutschland und die Pflastersteine vor dem Theater aus Portugal eingeführt.

 

Bis heute finden im Teatro Amazonas, welches jetzt unter Denkmalschutz steht, Opern- und Theaterveranstaltungen statt und auch rings um das Theater werden mehrmals im Jahr Feste und Festivals ausgerichtet. Das tollste daran ist, dass man diese Vorführungen zu einem Großteil kostenlos besuchen kann.

 

Nach einer englischsprachigen Führung durch die, ohne Musik doch etwas tot wirkenden Gemäuer, steht uns der Sinn nach etwas mehr Leben und wir steuern den Hafen an. Die Kais und Docks hier sind schwimmende Docks, da der Wasserstand des Amazonas zwischen Regen- und Trockenzeit zum Teil um bis zu vierzehn Meter schwankt. Sie sind 300 Meter lang, wurden zwischen 1900 und 1902 gebaut und stehen heute ebenfalls unter Denkmalschutz. Nach seiner Eröffnung entwickelte sich der Hafen sehr schnell zum Zentrum der Stadt und bedeutendstem Umschlagplatz für Waren in der Amazonasregion, da es nur wenige Straßen und keine Eisenbahnlinie gibt. In den typischen mehrstöckigen Amazonasbooten werden nach wie vor sowohl Waren als auch Passagiere befördert.

Nach dem Besuch der Markthallen, in denen bis heute der Markt stattfindet und es neben Lebensmitteln wie Fleisch, Fisch und exotischen Früchten auch Souvenirs wie T-Shirts oder Handarbeiten zu kaufen gibt, sind wir völlig geplättet. Wir wandern zum Busbahnhof, finden einen Platz im bis dahin fast leeren Bus und, bestens gebrieft von Tommy, halten wir dem Fahrer den Zettel mit unseren Aussteiginstruktionen unter die Nase. Der nickt auch ganz schlau, verweist uns an seine Kassiererin, die ebenfalls wissend nickt, und los geht die Fahrt.

 

Unzählige Haltestellen mit ungezählten Fahrgästen warten auf uns und nach bereits kurzer Seite ist das gesamte Vehikel gerappelt voll. Jupp, der auf der mir gegenüberliegenden Gangseite sitzt, und ich können uns nur noch schreiend verständigen, aber wenigstens kann ich noch Blickkontakt zur Kassiererin halten. Nach endlosem Geschockel kommt das erlösende Zeichen, an der übernächsten Haltestelle sollen wir aussteigen. Die Frage ist nur wie, denn während ich mich noch relativ behände durch die Menschenmassen schieben kann, muss Juppi zusätzlich eine neue Dachbox, die wir spontan günstig erstanden haben, über den Köpfen der Mitreisenden transportieren.

 

Eine Szene wie bei Mr. Bean spielt sich ab, der Bus stoppt, lange folgt nichts, dann luge ich mal vorsichtig aus der Tür. Hier raus??? Vorne schreien Menschen, winken mit den Armen, ich versteh’ nix. Tatsächlich hier? Weiteres Zögern, weiteres Geschreie, der ganze Bus scheint inzwischen involviert und so wage ich ein Schrittchen nach draußen während Jupp mit seiner Fracht drinnen ausharrt. Großes Getöse im Bus und heftiges Gewinke der Kassiererin deute ich als positiv, hier muss es sein, also Juppi, nichts wie raus und schon stehen wir in der Mitte von nowhere.

 

Bei näherer Betrachtung entsprechenden die abgehenden Straßen überhaupt nicht Tommys Zeichnung und Verwirrung macht sich breit. Sind wir nun zu früh oder zu spät ausgestiegen, müssen wir rechts oder links herum laufen? Wir haben keinen blassen Schimmer und zu allem Überfluss ist es inzwischen stockdunkel. Wir laufen rechts, wir laufen links, wir fragen, keiner kennt die passende Straße und am Ende rufen wir Tommy an, damit er uns auf den rechten Weg führt.

 

Am Donnerstag zieht es uns weiter Richtung Boa Vista, über die einzige Strecke, die nicht auf dem Wasser, sondern auf Asphalt aus Manaus hinausführt und eine ziemlich brutale Geschichte hat. 125 km führen mitten durch ein Indianergebiet, dessen Bewohner sich aufs Heftigste gegen den Bau der Straße gewehrt haben und erbitterte Kämpfe gegen die brasilianische Armee geführt haben. Die Indianer erlitten so hohe Verluste, dass ihre Anzahl von 1500 Menschen im Jahr 1974 auf 374 im Jahr 1986 schrumpfte und sie beschlossen mit der Regierung zu verhandeln. So kommt es, dass die Durchfahrt von 18.00 bis 6.00 Uhr geschlossen ist und niemand das Auto verlassen darf.

 

In Boa Vista machen wir etwas, was wir bisher noch niemals gemacht haben, denn wir besuchen uns völlig fremd Menschen, von denen wir lediglich die Vornamen und die Koordinaten kennen. Anna und Franz sind vor vielen Jahren nach Brasilien gekommen und haben sich nach einem erfolglosen Versuch sich wieder in Deutschland zu integrieren, in Boa Vista ein Heim geschaffen, in dem wir wärmstens aufgenommen werden. Anna umsorgt uns mit ihren Kochkünsten und Jupp lernt von Franz in Sachen Technik so einiges dazu. Wir fühlen uns sauwohl, bevor man uns jedoch endgültig rollen kann, brechen wir 2 Tagen später, nach vielen interessanten Gesprächen und vorzüglicher Vollpension endgültig nach Venezuela auf.