Brasilien: Oktober 2009

Wir erreichen Brasilia, die futuristische Hauptstadt, die in den 1950er Jahren von Stadtplanern und Architekten aus dem Boden gestampft wurde. Aus der Luft gesehen, erinnert der Grundriss an die Form eines Flugzeuges und da alles perfekt geplant wurde, fällt uns die Orientierung heute relativ leicht. Wir finden ein Plätzchen auf dem grünen Rasen der Jugendherberge und zum 1. Mal seit langem kommt so etwas wie Campingstimmung auf.

 

Jetzt fehlen uns nur noch ein paar andere Reisende zum Quatschen und alles wäre perfekt. Dieser Wunsch bleibt leider unerfüllt und so machen wir uns alleine auf zur Erkundung der Stadt. Mit dem Bus fahren wir zum quirligen Stadtbahnhof und latschen von dort zunächst mal bis zum Torre de Televisao.

 

Die Aussichtsplattform des Fernsehturms ist auch mit 75 Metern noch nicht hoch genug um den flugzeugförmigen Grundriss der Stadt erkennen zu können, aber wir bekommen doch einen groben Überblick. Aufgrund der unglaublichen Hitze wollen wir nicht sämtliche Sehenswürdigkeiten zu Fuß abklappern und entschließen uns zu einer Stadtrundfahrt.

 

Als einzige Teilnehmer haben wir die freie Platzwahl in einem 60-Sitze Bus, erhalten Infos in englischer Sprache und gewinnen so einen guten Eindruck. Lediglich die „Catedral Metropolitana“ schauen wir uns später noch von innen an und sind ziemlich enttäuscht, denn die ganze Kathedrale ist eine einzige Baustelle und etliche der Buntglasfenster sind zerbrochen.

Am nächsten Morgen können wir uns nicht so recht zur Weiterfahrt aufraffen und hängen kurzfristig noch einen Tag an, den wir zum Großeinkauf nutzen wollen. Wir steuern einen Wal-Mart an und ich bin ganz gespannt, da dieses mein erster Besuch in einem Laden dieser Kette ist.

 

Wie zu erwarten, ist der Markt ziemlich groß, jedoch gleichzeitig auch irgendwie unübersichtlich. Mit der Anordnung der Waren kommen wir so gar nicht zurecht und das Angebot ist auch nicht besser als in anderen Supermärkten. Das Fass zum Überlaufen bringt jedoch die Fleischtheke, schon von weitem zieht ein ekel-erregender Geruch in unsere Nasen und der Anblick des Fleisches bestätigt unsere Befürchtungen. Hier liegt nicht nur 1 Stück Fleisch herum das bereits wieder lebt. Das reicht! Wir lassen unseren Einkaufswagen einfach mitten im Laden stehen und verlassen fluchtartig diese Stätte. Pfui Deibel!!

 

Der nächste Versuch ist ein Carrefour-Supermarkt, an dem wir jedoch bereits bei der Anreise scheitern, denn das Gelände ist weiträumig umzäunt und die Einfahrten leider nicht monstergerecht. Nach dem Motto, aller guten Dinge sind 3, klappt es schließlich bei einem weiteren Carrefour-Laden, natürlich am anderen Ende der Stadt.

 

Die anschließende Suche nach einem Auspuff-Macher (lacht nicht, der ist tatsächlich schon wieder undicht!), gerät auch mehr zu einer Schnitzeljagd und so stellt sich uns die Frage, wie verbringe ich einen Tage möglichst nutzlos. Damit nicht noch so ein Tag vor uns liegt, brechen wir am nächsten Morgen auf. Über Pirenepolis und Cidade de Goias in Richtung Westen nach Cuiaba. In Pirenepolis werden wir schier wahnsinnig bei der Suche nach einem Stellplatz. Immer wieder verfranzen wir uns in den engen Straßen und den Weg zu einer außerhalb liegenden Fazenda können wir schon überhaupt nicht finden. Nach 1 Stunde Kurverei endlich an einem Flüsschen fündig geworden, vergraulen uns ein Restaurantbesitzer und große Verbotsschilder. Jetzt kann uns der Ort endgültig den Buckel herunterrutschen, pff…dann fahren wir eben weiter bis Cidade de Goias.

 

Auch hier wird die Anfahrt über die kleinen Pflastersteinstraßen nicht einfach, aber nicht mehr so wählerisch, lassen wir uns vor dem kleinen Hospital am Ufer des Rio Vermelho nieder. Unser abendlicher Versuch zur Abwechslung in einem Restaurant zu essen, trägt zur allgemeinen Erheiterung der anwesenden Brasilianer bei und das liegt eindeutig nicht am Verzehr von Caipirinhas. Vielmehr sind es unsere kläglichen Versuche den Inhalt der Speisekarte heraus zu finden, die damit enden, dass wir einen Salat, der für 7 Personen und 1 Reisgericht, das für 1Person reichen würde, vor uns stehen haben. Dabei sollte es doch jenes leckere, salzige Gebäck werden, das mit Fleisch, Gemüse, Käse und Oliven gefüllt und dessen Name uns leider entfallen ist.

 

Der nächste Morgen beginnt, wie der Abend geendet ist, nämlich relativ erfolglos. Laut Reiseführer sollen alle Museen und Sehenswürdigkeiten des Ortes bereits ab 8.00 Uhr geöffnet sein und so ziehen wir bereits sehr zeitig durch die engen Straßen. Die ehemalige Hauptstadt Goias, 1727 gegründet, wurde zum Weltkulturerbe ernannt und die geweißten Kolonialhäuser und zahlreichen Barockkirchen sind auch wirklich sehenswert, für uns aber leider nur von außen, da auch um 8.30 Uhr immer noch geschlossen. Ist es nicht unglaublich? Da raffen wir beiden Kulturbanausen uns einmal zu einem Museumsbesuch auf und nun? Geschlossen! Erst einige Tage später bemerken wir, dass die Uhren hier anders gehen und wir einfach 1 Stunde zu früh unterwegs waren.

 

Anstatt eines Museums, besuchen wir den kleinen Gemüsemarkt und suchen dann in einer Eisenwarenhandlung nach Bindedraht. Beim Eintreten staunen wir nicht schlecht als wir mit „Guten Morgen. Deutsch?“ begrüßt werden. Die junge Frau erzählt, dass sie 8 Monate in Köln gelebt hat und es in Deutschland sehr schwierig sei Arbeit zu finden. Im Laufe des Gesprächs kommt dann heraus, dass die Gute sich illegal in D. aufgehalten hat und darum nun wieder in Brasilien ist. Nichtsdestotrotz will sie für die 5 m Draht partout kein Geld von uns annehmen und wir können nur hoffen, dass sie in unserer Heimat ebenfalls gut behandelt wurde.

 

Als wir bereits wieder in Monster sitzen, kommt sie nochmals angelaufen und möchte uns für abends einladen. Übrigens eine typische Geste der Brasilianer. Diese Menschen scheinen unglaublich gastfreundlich, ein fröhliches, sympathisches Volk, für uns mit die nettesten Menschen Südamerikas.

 

Während der nächsten Tage, die wir zur Bewältigung der endlosen Kilometer mal wieder fahrend verbringen, erregen zahlreiche Motels unsere Aufmerksamkeit.

Nachdem an einigen eindeutige Schilder angebracht sind, wird uns so langsam klar, dass es sich um Stundenhotels handelt und man wird anscheinend nicht gerne gesehen, wenn man darin verschwindet. In vielen Ländern sind Liebeshotels meistens etwas schäbig und unappetitlich, nicht so in Brasilien. Manche erinnern an mittelalterliche Schlösser, römische Tempel oder antike Pyramiden und die Zimmer sollen (nicht dass jetzt jemand auf falsche Gedanken kommt, wir haben es lediglich gelesen!!) mit allem Schnick und Schnack, sprich verspiegelten Decken, herzförmigen Betten, Whirlpools, Fernseher mit Pornoprogrammen etc. pp. ausgestattet sein. Diese Dinger sind in den verrücktesten Farben gestrichen und die Einfahrten mit großen Mauern dermaßen verbaut, sodass bloß niemand in den Innenhof schauen kann.

 

Mit dem Mirante am Nationalpark Chapada dos Guimaraes erreichen wir den inoffiziellen Mittelpunkt Südamerikas bereits zum 2. Mal und genießen abermals die etwas kühlere Luft, dieses Mal unter nächtlicher Polizeibewachung, die den Parkplatz tatsächlich mehrmals kontrollieren. Bevor wir uns aufmachen zum Abenteuer Transamazonica wollen wir uns in Cuiaba mit Bargeld und Lebensmitteln versorgen und suchen nichts ahnend eine Bank auf. Lange Menschenschlangen stehen vor diversen Geldautomaten, doch keine Spur von einem Schalter an dem Bargeld gewechselt wird. Ich frage mich durch und werde zu einer Tür verwiesen, hinter der zwar einige Menschen sitzen, die jedoch verschlossen ist. Was ist denn hier los? Abermaliges Fragen hilft mir auch nicht so recht weiter, denn was ich verstehe, würde bedeuten, dass die Bankangestellten streiken. Ein für mich unvorstellbares Szenario und so glaube ich, meine Künste der portugiesischen Sprache hätten mir einen Streich gespielt und wandere frohen Mutes zur nächsten Bank. Doch auch hier bietet sich das gleiche Bild und auch in einer 3. Bank, die streiken doch tatsächlich und das bereits seit 1 Woche!! Unglaublich, für die Wechselstuben aber scheint Weihnachten.

 

Nachdem auch der Tank nochmals gut gefüllt ist, rollen wir zunächst auf 1000 km Asphalt bis Guaranta do Norte, mitten durch den Sojagürtel Brasiliens. Felder soweit das Auge reicht und ein Lkw jagt den nächsten. An den hochgeklappten Zusatzachsen sieht man, dass sie leer nach Norden hochfahren und uns beladen wieder entgegenkommen. In einem kleinen Ort erspähen wir ein Internetcafe und bevor uns die Zivilisation verlässt, wollen wir wenigstens unsere Emails abfragen. Wir können es kaum glauben, was wir dort lesen, denn Gunther, ein Reisender, den wir vor 4 Jahren in Nepal kennenlernten, befindet sich kaum 400 km entfernt in unsere Richtung fahrend.

 

Wir fahren noch einige Kilometer weiter, parken Monster gut sichtbar vor einem Restaurant an den Straßenrand, setzen uns mit Buch und Bier ausgestattet mitten auf den Rasen und harren der Dinge die da kommen. Wenn wir die Email richtig gedeutet haben, sollte das eigentlich ein blauer Mercedes G mit deutschem Kennzeichen sein. Und genauso ist es dann, kurz vor Einbruch der Dunkelheit kommt Gunther samt Sohn Martin tatsächlich vorbeigeflogen und kann gerade noch rechtzeitig bremsen. Die Freude ist groß, es gibt viel zu erzählen und beim gemeinsamen Abendessen verabreden wir ein Treffen in Itaituba in ca. 9 Tagen. Die zwei kommen zwar gerade aus dieser Richtung, wollen aber nun herunterfahren bis Cuiaba, von dort nach Brasilia, von dort wieder hinauf bis Maraba um von dort die komplette Transamazonica zu befahren. Ein Wahnsinnsvorhaben in etwas mehr als 1 Woche, aber uns relativ egal, Gunther wird wohl wissen was er tut.

 

Am nächsten Morgen in aller Frühe trennen sich unsere Wege und wir schockeln gemütlich auf den letzten Asphaltkilometern dahin. Ab dem 1000. Kilometer beginnt die Piste, nur leider haben die Brasilianer tatsächlich mit dem Projekt begonnen, die komplette Strecke Cuiaba-Santarem zu asphaltieren. Für uns bedeutet das eine ziemliche Sauerei, denn auf einer Behelfsspur geht es nicht nur bergauf, bergab, sondern auch noch durch zentimeterdicken Mehlstaub. Das dicke Ende steht uns jedoch noch bevor, denn zu allem Überfluss beginnt es auch noch zu regnen. Die ganze Piste verwandelt sich in null-komma-nichts in Schmierseife, das Profil der Reifen setzt sich zu und trotz eingeschaltetem Allrad schlittern wir mehr als wir fahren.

Quasi in Zeitlupe erreichen wir eine winzige Tankstelle und da es sowieso bereits 16.00 Uhr ist, wird diese unser Nachtquartier.

 

Am nächsten Morgen ist alles wieder gut, die Piste sogar besser befahrbar, da durch den Regen etwas weicher und vor allem staubt es nun nicht mehr. Leider hält dieser wunderbare Zustand nur kurz an, denn die Sonne leistet volle Arbeit und bereits 2 Stunden später wühlen wir uns schwitzend wieder durch den Staub. Um uns herum eine Landschaft zum Heulen, keine Spur von Regenwald, Kahlschlag bis zum Horizont, wir sind schockiert.

 

Ein schöner Platz an einem Wasserfall besänftigt die Gemüter und tatsächlich beginnt hinter Novo Progresso der schönste Teil der Strecke. Endlich ist Schluss mit dem Kahlschlag, es gibt nur kleine Rodungen, alles wirkt sehr ursprünglich. Die wenigen kleinen Orte vermitteln eine, wie es uns erscheint, typische Amazonas-Stimmung und beim nächtlichen Bummeln durch die staubigen Straßen verspüren wir einen Hauch der Goldgräberzeit. Das ist es, was wir gesucht haben!

 

Höchst zufrieden setzen wir unseren Weg fort und treffen auf 3 Gauchos, die mit einem merkwürdigen Vehikel an einem kleinen Fluss campieren und wundern uns ein wenig, was diese Jungens hier machen. Wenige Kilometer weiter wissen wir es, denn wir passieren eine riesige Viehherde, die von Gauchos und Hunden getrieben in dieser unwirtlichen Gegend mehrere Wochen unterwegs ist und das merkwürdige Vehikel war der Küchenwagen. Bei Wind und Wetter, bei Tag und Nacht heißt es auf die Tiere aufzupassen und die wertvolle Fracht im guten Zustand am Bestimmungsort abzuliefern. Ein hartes Leben!

 

Da haben wir es doch weitaus komfortabler, wenn wir zwar geschüttelt und schwitzend, aber trocken und sicher durch die Landschaft fahren. Vorbei an Orten, wo auf einem Fußballfeld nicht nur 22 Mann hinter einem Ball herlaufen, sondern 25 und das gleich pro Mannschaft. Das nennen wir Gerechtigkeit, warum sollen auch manche auf der Ersatzbank herumsitzen, es können doch besser alle gleichzeitig spielen, gell?

 

Als wir am Sonntag die Fähre nach Itaituba erreichen, haben wir eine wundervolle Zeit verbracht und freuen uns auf die kommenden Tage in der Einsamkeit. Itaituba selbst ist ein ziemlich heruntergekommener Ort und wir sind etwas verschreckt. Hier sollen wir nun 3-4 Tage an einer Tankstelle verbringen? Umgeben von Typen, die auch ihren allerletzten Cent schon in Alkoholika umgesetzt haben. Das geht gar nicht und wir steuern eine Polizeikontrolle an. Der junge Beamte, den ich anpeile, scheint sich bei meinem Anblick am liebsten in Luft auflösen zu wollen, schafft es aber dennoch, ein Balneario, zu deutsch Schwimmbad, etwas außerhalb des Ortes als Stellplatz zu empfehlen.

 

Ungeplant legen wir also die ersten Kilometer auf der Transamazonica zurück und da sich anscheinend das halbe Dorf gerade auf dem Rückweg von diesem Balneario befindet, bekommen wir so gleich eine kleine Kostprobe, was uns wohl erwarten könnte. Es staubt dermaßen gewaltig, dass wir uns quasi im Blindflug nur im Schritttempo vorwärts bewegen können, aber egal wie langsam wir auch sind, das Wellblech schüttelt uns trotzdem. Bereits etwas angenervt erreichen wir das Balneario und was ist? Nix is, denn das Gelände verfügt über ein stattliches Eingangstor, das aber leider Monsters Massen in keiner Weise entspricht. Puh, also schon mal Essig mit diesem Stellplatz, aber nach dem Motto alles ist besser als das unsägliche Kaff, wollen wir einfach noch ein wenig weiter fahren und dort in der Wildnis unser Glück versuchen.

 

Und tatsächlich, heute scheinen uns unsere Schutzengelchen besonders hold, denn bereits wenige Kilometer weiter erspähen wir ein Hinweisschild auf eine Posada und biegen spontan dorthin ab. Man braucht keine besondere Phantasie um sich unsere Gesichter vorzustellen, als uns ein Auto begegnet, dessen Fahrerin aussteigt und uns mit deutschen Worten begrüßt. Uns bleibt einfach der Mund offen stehen und als wir dann auch noch ganz großzügig zum Verbleib auf der Posada eingeladen werden, sind wir einfach nur noch happy. Das ganze ist ein Traum, unter dem 3. Mangobaum links finden wir ein schattiges Plätzchen und lassen in unserer Hängematte die Seele baumeln.

Das Leben kann manchmal einfach nur schön sein. Im Laufe der nächsten Tage lernen wir die Familie Henke etwas besser kennen und erfahren ein wenig von ihrem Leben. Die Familie ist vor etlichen Jahren nach Brasilien gekommen und hat sich dem Kinderhilfswerk „die helfende Hand“ verschrieben. Völlig selbstlos wurde ein Waisenhaus aufgebaut, Schulen und Krankenhäuser errichtet und immer wieder konnten verloren gegangene Kinder zu ihren Eltern zurückgeführt werden. Für alle Interessierten, hier die Adresse: Recanto Maloquinha BR 23 Transamazonica KM 15 Ramal Itaituba, email maloquinha@yahoo.com.br

 

Wir können 3 wunderbare Tage hier verbringen und werden zum Abschluss am Mittwochabend sogar noch zum Abendessen eingeladen, bei der Abreise sind wir fast ein wenig wehmütig und möchten uns an dieser Stelle nochmals ganz herzlich bedanken.