Kanada: Juli 2016

Gegen Abend erreichen wir die Grenze in Beaver Creeek, ich immer noch auf dem Boden, muss inzwischen ganz dringend mal zur Toilette. Wir unternehmen einige klägliche Versuche, doch am Ende muss die Ambulanz anrücken, denn hier gibt es zumindest ein kleines Gesundheitszentrum mit einer Krankenschwester. Die Jungs befördern mich mit einer Spezialtrage irgendwie aus Monster, laden mich in die Ambulanz und karren mich zum Health Center.

Die Krankenschwester erkennt ziemlich schnell, dass mir mit Tabletten alleine nicht zu helfen ist, darf jedoch nur nach telefonischer Rücksprache mit einem Arzt eine Injektion geben. Also wird munter telefoniert, während ich mich nicht entscheiden kann, was nun schlimmer ist: der Druck auf die Blase oder der Schmerz im Rücken. Aber leider kommt es immer noch nicht zu einem Ergebnis, denn der Arzt muss sich anscheinend erst schlau machen und will dann zurückrufen. Die nächste Stunde geht dahin... ich immer noch bewegungsunfähig und dringend toilettenötig...wir warten. Irgendwann taucht der Sheriff auf, der Arzt hätte ihn alarmiert, die Krankenstation sei telefonisch nicht erreichbar. Mir ist inzwischen so ziemlich alles egal, aber am Ende kommt doch noch Bewegung ins Ganze. Die Krankenschwester darf mir Morphium spritzen und nach einer weiteren halben Stunde kann Juppi mich immerhin zur Toilette schleifen. Mit vereinten Kräften werde ich anschließend in Monster ins Bett gebracht und kann sogar einigermaßen schlummern. Morgens kommt die Schwester nochmals schauen, versorgt mich mit Tabletten und vermeintlich gerüstet fahren wir gen Whitehorse. Nötig ist eine Zwischenübernachtung, bei der wir mich und meinen Rücken gut handeln können und recht guter Dinge sind. Am nächsten Morgen jedoch das gleiche Spiel wie Tags zuvor, ich komme nicht aus dem Bett und Jupp fährt im Sauseschritt zur Emergency in Whitehorse. Hier nimmt das Drama seinen Lauf.

Wir parken direkt vor der Notaufnahme, aber es muss eine Ambulanz anrücken. Die Sanitäter hätten sich vermutlich verlaufen, so dumm wie sie sich anschließend anstellen. Bevor überhaupt irgendetwas geschieht, muss Jupp im Hospital irgendeine Aufnahmegebühr bezahlen. Der Patient kann inzwischen ruhig versterben, Hauptsache die Gebühr ist bezahlt. Man kann sich meinen Göttergatten sicherlich vorstellen ob solchen Gebahrens. Na jedenfalls, wieder kommt so eine Trage wie am Dienstag zum Einsatz, nur die Jungs können nicht damit umgehen und Juppi muss ins Geschehen eingreifen. Endlich in der Notaufnahme angekommen, scheint dem Arzt meine Situation auch nicht so ganz klar zu sein. Er meint, ich solle nun mal 2 Pillen nehmen und in 1 Stunde ginge es mir besser. Dass ich den ganzen Tag über bereits 4 x 800 mg Ibuprofen geschluckt habe, hat keinen Einfluss auf seine Entscheidung. Dass ich mal wieder zur Toilette muss und keinen Schritt tun kann, übrigens auch nicht. Dann soll eine Röntgenaufnahme gemacht werden und man beschließt mich dazu umzubetten. Erst meine Schmerzensschreie lassen eine gewisse Skepsis in dem Arzt aufkeimen und nun soll doch ein schmerzstillendes Mittel gespritzt werden. Gesagt, getan...nach einer weiteren Stunde keine Besserung, der Arzt scheint dieses jedoch zu glauben und will mal sehen, wie ich mich denn so bewegen kann. Ich bin ja ein folgsamer Mensch und versuche also tapfer auf die Seite zu rollen, um eine Sekunde später das ganze Krankenhaus mit meinen Schreien aufzuwecken. Nun endlich scheint auch dem Doc einzuleuchten, dass mit mir etwas nicht in Ordnung ist. Die Folge: ich werde mit Valium und Morphium regelrecht abgeschossen, nicht ohne zuvor noch eine Bettpfanne komplett zu fluten. Anschließend werde ich in der Notaufnahme hinter einem Vorhang zwischengeparkt. Am nächsten Morgen erscheint zur Abwechslung mal eine nette Ärztin mit Kompetenz, aber an meinem „Parkplatz“ ändert sich die nächsten 3 Tage nichts. Das Krankenhaus gerappelt voll, kein Zimmer, kein Bett frei. 

 

Ich liege inmitten der Notaufnahme, direkt neben dem OP herum und versuchte eine Art Nachtruhe durch Ohrstöpsel herzustellen. Juppi mutiert derweil, wenn er sich nicht gerade telefonisch mit dem ADAC herumzankt, zum Krankenpfleger. Am Samstag findet das traurige Schauspiel seinen Höhepunkt, denn man legt uns nahe, dass wir am Sonntagmorgen das Krankenhaus verlassen müssen, da mein Bett(?) benötigt wird. Auf die Frage, wohin wir denn bitte sollen, erklärt man uns, wir könnten ja in ein Hotel gehen. Das bringt das Fass endgültig zum Überlaufen und Jupp bucht, nach Rücksprache mit der Ärztin, den einzigen internationalen Flug überhaupt, der 1 x wöchentlich am Sonntag von Whitehorse nach Frankfurt geht. Kurzfristig bricht noch das große Chaos aus, denn Monster muss zumindest halbwegs ausgeräumt und winterfest gemacht werden. Alles Dinge für die wir normalerweise mit 2 Leuten mindestens 2 Tage brauchen und dementsprechend ist mein Liebelein ziemlich durch den Wind. Das Ergebnis finden wir dann irgendwann wieder, ist auch gerade nicht so wichtig. Das Einzige was gerade zählt, ist einfach nach Hause zu kommen.

Im Rollstuhl werde ich in den Flieger befördert und dank der, inzwischen, geilen Sitze in der Businessclass und dem fröhlichen Morphium von Dr. McDonald fliege ich perfekt in die Heimat.

Bereits am Dienstag haben wir einen Termin in der Groenemeyer Klinik in Bochum. Das MRT ergibt, dass ein Wirbel verschoben ist und sich dahinter eine dicke Entzündung gebildet hat. Diese muss zunächst mal weg und dann kann man weitersehen. Wenn es hart kommt, muss dieser Wirbel verschraubt und somit versteift werden, aber soweit sind wir ja noch nicht.

 

Wie sagt man immer so schön? 1. kommt es anders und 2. als man denkt...na jedenfalls sind wir erst einmal zuhause und alles weitere sehen wir dann