BC/Yukon/Northern Territories: Juni 2015

Unser 1. Ziel in Vancouver ist der Grund, warum wir überhaupt erst hierher gefahren sind, denn die ursprüngliche Route sollte über den Glacier N.P. nach Banff und Jasper gehen. Doch unser Schätzchen braucht mal wieder etwas Aufmerksamkeit und Pflege und da kommt uns ein deutscher Mechaniker genau recht. Hans Mross, www.unimogcananda.com , hat in Langley neben dem Handel mit Unimogs auch eine Werkstatt und in eben dieser nisten wir uns für die nächsten Tage ein.

Frisch gestriegelt und gespornt wollen wir uns vor der Abfahrt natürlich auch Vancouver noch ein wenig anschauen. Nur wenige Minuten von der Altstadt entfernt liegt der bekannte Stanley Park, den man auch per Auto wunderbar umrunden kann. Leider erzählt uns niemand, dass zwischen diesem und Chinatown auch der schrecklichste Block Vancouvers liegt und so geraten wir unverhofft in das absolute Chaos. So eine Ansammlung menschlichen Desasters habe ich in meinem ganzen Leben noch niemals gesehen. Volltrunkene und Rauschgiftsüchtige hausen auf der Straße, schlagen sich gegenseitig die Schädel ein und wühlen im Müll und anderem Unrat. Groß und grün wie er nun mal ist, entgeht Monster natürlich ihrer Aufmerksamkeit nicht und als wir an einer Ampel stoppen müssen, sind wir sogleich umzingelt. Just in diesem Moment biegen mehrere Polizeifahrzeuge um die Ecke, die zu einem blutendem Mann, der auf dem Gehsteig liegt, wollen. Ihr Erscheinen reicht, die Menge zerstreut sich, puh... da hat unser Schutzengelchen aber wieder mal gehörig auf uns aufgepaßt. Ich möchte gar nicht darüber nachdenken, was trotz abgeschlossenen Monstertüren womöglich hätte passieren können.  




Irgendwie ist die Stimmung anschließend getrübt und wir schauen uns nur noch kurz eine hohe Gruppe Totempfähle der Haida-Indianer an.

Über den Marine Drive, einer schönen Küstenstraße, verlassen wir Vancouver in Richtung Norden. Die Region um Whistler ist spätestens seit den olympischen Winterspielen 2010 weltweit bekannt und das nette Dörfchen lädt zu einem Bummel durch seine autofreie Zone.

Wir durchfahren die ziemlich einsame Region Cariboo, die in den 1850er-Jahren infolge des Gold Rushs zu Berühmheit kam und erreichen Lillooet. Unvorstellbar, dass dieser gottverlassene Ort damals eine der größten Städte nördlich von San Francisco war. Selbst dem deutschen Bäcker, an den nur noch die schwarz-rot-goldene Flagge auf der Hausfassade erinnert, scheint es zu einsam geworden zu sein. Schade, jetzt müssen wir unsere Brotproduktion wieder selbst in die Hand nehmen. Na jedenfalls sind auf dieser Route, der sog. Cariboo Wagon Road, viele Orte aus ehemaligen Rasthäusern entstanden, in denen die Goldsucher Verpflegung und einen Schlafplatz fanden. 70 Mile House, 100 Mile House... diese seltsam anmutenden Namen der kleinen Orte sind noch von damals übriggeblieben und erklären sich ganz einfach aus der Entferung zu Lillooet. Wir wandeln weiterhin auf den Spuren der Goldgräber und erkunden Barkerville, benannt nach Billy Barker der hier 1862 auf eine ausgiebige Goldader stieß. Kurze Zeit später ließen sich die üblichen zwielichtigen Gestalten wie Huren und Gauner oder einfach nur Goldgräber dort nieder und Barkerville entstand. Heute durchstreifen eine Art Schauspieler in historischer Kleidung, jede Menge Touristen und wir zwei beiden den Ort.

Auf dem Rückweg erspähen wir doch tatsächlich unsere 1. Schwarzbären-Familie. Eine Mutter mit ihren beiden Jungen mampft gemütlich am Straßenrand einige Pflanzen und wir sind leider so überrascht, dass wir die Kamera nicht rausbringen bevor sie im Wald verschwunden sind. Also nix mit Bildern, schade!

In British Columbia führen alle Routen in den Norden zwangsweise über Prince George und nachdem wir dort unsere Vorräte kräftig aufgestockt haben, entscheiden wir uns für den Hinweg zum Yukon für den Alaska Highway und landen zunächst in Chetwynd. Diese ehemalige Bergbaustätte ist heute mit Holzskulpturen gepflastert, die Künstler mit ihren Kettensägen gearbeitet haben. Der Zufall will es, dass an diesem Wochenende die jährlich ausgetragene Meisterschaft der „Chainsaw Sculptures“ ausgetragen wird und heute beginnt. Künstler aus allen möglichen Landesteilen und sogar aus Japan sind vertreten und wahre Meister ihres Fachs.

Wir überschreiten die Grenze zum Yukon, dessen Name allein schon Vorstellungen von Einsamkeit und Weite hervorrufen, eine Gegend in der es vermutlich mehr Elche als Menschen gibt. Aber zunächst erwartet uns mal Watson Lake, das bekannt ist für seine „Sign Posts“. Das 1. Schild „Danville, Illinois, wurde 1942 von einem heimwehkranken Soldaten während der Bauarbeiten des Alaska Highways an einen Mast genagelt und bis heute ist die Zahl auf 78000 angestiegen. Diese Ausmaße haben dem Ort inzwischen den Namen „Schilderwald“ bzw. „Sign post forest“ beschert und immer noch müssen neue Pfosten aufgestellt werden. Etliche der Ortsschilder oder Wegweiser verschwanden vermutlich nächtens aus irgendwelchen Gemeinden überall auf der Welt.

Wir lernen Betty und Beat aus der Schweiz kennen, die mit ihrem „Friedli“

(www.reisefriedli.ch) seit einem Jahr zunächst in Europa und nun in Kanada unterwegs sind. Wir verbringen einen gemütlichen Abend zusammen und da wir uns auf Anhieb symphatisch sind, beschliessen wir für eine Zeitlang gemeinsam zu fahren. Zunächst nehmen wir anstatt der direkten Route nach Whitehorse, die 340 km lange Alternativstrecke über den Robert Campbell Highway und haben dabei das Vergnügen mit einem Bären.

Am 18.06. starten wir das Unternemen „Dempster Highway“, eine 740 km lange Schotterstraße, die über den Artic Circle hinauf nach Inuvik führt, dem nördlichsten über Straßen erreichbaren Ort Kanadas.  

Ein tolle Erfahrung, unterwegs sehen wir Moose, die sich im See den Magen mit Gras füllen und ab dem Polarkreis geht die Sonne bis zum 18.07. nicht mehr unter. Pünktlich zur Sonnenwende erreichen wir unser Ziel Inuvik und unerwartet ist es ausgesprochen heiß hier oben. Das Thermometer zeigt stolze 29° C und diese scheinen auch die Mücken zu lieben. Ohne Insektenschutzmittel läuft nichts und trotz Temperaturen und Sonnenlicht rücken wir den Biestern mit einem Feuer zu Leibe. In Inuvik trotzen ca. 3500 Menschen den widrigen Bedingungen im Winter, bei Minusgraden bis zu 45°C sehen sie von Anfang Dezember bis Anfang Januar kein Sonnenlicht und das in regenbogenfarbenen Häusern, die keineswegs besonders isoliert aussehen. Ganz im Gegenteil, mit dem Gewirr an, wegen des Permafrostbodens, oberirdisch verlegten Wasser-, Abwasser- und Heizungsrohren, sieht es hier aus wie auf einer riesigen Baustelle.

Der Rückweg erfolgt zwangsläufig auf der gleichen Strecke, die uns ab dem Polarkreis aber nun Regen beschert. Die ehemals staubige Piste entwickelt sich zur Schlamm- und Rutschpartie und wird zu allem Übel auch noch mit Kalium-Chlorid besprüht. Dies bewirkt, dass sie im trockenen Zustand recht hart und gut zu befahren ist, aber heute Monster in eine Art Baustellenfahrzeug verwandelt. Eine fürchterliche Pampe, die sich in dicken Klumpen in den Radkästen und am Unterboden festsetzt. Da ist definitiv eine ausgiebige Wäsche fällig, die wir beim Erreichen von Dawson City auch direkt mal in die Tat umsetzen.

Dawson City, kaum jemand kennt den Namen der Stadt nicht. Sie liegt ziemlich genau am Zusammenfluß von Yukon und Klondike River und war einstmals das Zentrum des Klondike Goldrausches. Damals machten sich ungezählte Menschen auf den beschwerlichen Weg hierher, nur um bei ihrer Ankunft erkennen zu müssen, dass die besten Schürfgebiete bereits vergeben waren. Ihnen blieb nichts anderes als zu miserablen Bedingungen für die glücklichen Claimbesitzer zu arbeiten und so landeten sie oftmals in den Bars und bei den Prostituierten, die ihnen auch noch den Rest ihres Geldes aus der Tasche zogen. Heute ist Dawson ein gemütliches Örtchen mit ungeplasterten Straßen, Gehwegen aus Holzplanken und alten Gebäuden, die auf zweifelhaftem Untergrund aus Permafrostboden gebaut sind, und sich daher schief aneinander lehnen. Wir bleiben gleich 5 Tage hängen und doch wird uns nicht langweilig. Bei den Stadtführungen, die von Mitarbeitern der Parks Canada geleitet werden, erfahren wir viel über einzelne Gebäude und Persönlichkeiten der Goldrausches und ein Besuch in der einzig verbliebenen „Spielhölle“darf selbstverständlich auch nicht fehlen. In „Diamond Tooth Gerties“ (Diamantzahn-Gertie), einem Nachbau eines Saloons von 1898, darf bis in die frühen Morgenstunden gezockt werden und jeden Abend finden 3 verschiedene Can-Can Shows statt. Dabei werden die Darbietungen der Damen im Laufe des Abends immer freizügiger. Auch ein abendlicher Besuch im Downtown Hotel hat seinen eigenen Charme, denn jeden Abend um 21.00 Uhr findet ein seltsam anmutendes Spektakel statt. Zahlreiche Touristen fallen ein um einen Schnaps zu süffeln, in dem ein eingelegter menschlicher Zeh herumschwimmt. Jaaa, der Zeh ist tatsächlich echt und so bekommt man für seine 10,00 Cad auch ein echtes Zertifikat. Tolle Werbemasche, oder?  


Aber ohne die Goldfelder wäre Dawson nicht das, was es ist und so darf ein Besuch der Goldfelder selbstverständlich nicht fehlen. Etwa 12 km vom Klondike Highway entfernt, sieht man schon von weitem die Gold Dredge No.4. Dieser gigantische Bagger, 94 m lang und 30 m hoch, ist der größte Eimerketten-Schwimmbagger mit Holzrumpf, der jemals gebaut wurde.

Obwohl die unendlichen Sand- und Schottermengen bereits xmal durchwühlt wurden, findet man auch heute noch bis zu 2.200 kg Gold jährlich. Wir leider nicht.

Ein letztes Mal setzten wir mit der kostenlosen Fähre über den Yukon über und fahren auf dem Top of the World Highway durch menschleere Gegend in Richtung Alaska.