Washington: Oktober 2014

Wir verlassen Kanada. Aufgrund der Temperaturen leider etwas früher als geplant, aber mit der Gewissheit, dass wir wiederkommen werden. Die Landschaft und die Menschen haben uns einfach gut gefallen, bis auf die Kälte haben wir uns sauwohl gefühlt. Wie soll die Ausreise da anders sein als einfach? Eigentlich nur noch einfacher als einfacher, denn es findet schlichtweg überhaupt keine statt. Wir fahren über eine Brücke. Vor dieser sehen wir keine Kontrolle und nach dieser? Da sind schon die Amis. Haben wir mal wieder etwas verpasst? Wie auch immer, wir rollen jedenfalls völlig entspannt an ein kleines Grenzhäuschen und der darin sitzende US-Beamte möchte unsere Pässe. Klaro, dazu sitzt er ja dort und dass er einige Fragen stellt, ist ebenfalls völlig normal. „Wo kommt ihr her? Wo wollt ihr hin? Wie lange wollt ihr bleiben?“ Juppis Antwort: “ bla, bla, bla, bla, usw...wir möchten 1 Jahr bleiben!“  „ Wieso 1 Jahr? Ihr könnt maximal 6 Monate in den Staaten bleiben.“ „Ja aber euer Land ist so groß, das können wir unmöglich in einem Jahr alles schaffen.“ „Hm, aber die Regeln sind nun mal so! Fahrt mal da vorne an die linke Barriere und geht ins Büro, dort wird sich ein Officer um euch kümmern.“ Also rechts an und ab ins Büro. Dort empfängt uns Frank, ein molliger, fröhlich grinsender Zollbeamte, der sogleich unsere Pässe sehen möchte. Ohne weitere Fragen nimmt er unsere Fingerabdrücke, schießt ein Foto und hackt auf seinem Computer herum. Nach kaum 5 Minuten reicht er uns, immer noch fröhlich grinsend, unsere Pässe zurück und sagt: „ I gave you one year, you can stay up to October 2015.“  Wie jetzt??? Als er unsere erstaunten Gesichter sieht, fügt er noch hinzu:“ You can tell on your website about me, the friendly Frank!“ Wann hat der denn auf unsere Homepage geguckt? Was soll man dazu sagen? Big brother is watching you?

 

Nun, wir freuen uns jedenfalls, dass wir 1 Jahr in Nordamerika bleiben können. Das macht vieles einfacher, denn für die Amis zählt auch eine Ausreise nach Kanada oder Mexiko nicht als ein Verlassen der Staaten. Noch immer völlig beseelt kehren wir zu Monster zurück und hoffen, dass dessen Kontrolle ebenso leicht über die Bühne geht. Jaa, da empfängt er uns auch schon, der typische US Officer. Völlig schwarz gekleidet, schwarze Sonnenbrille, schwer bewaffnet, grimmiger Gesichtsausdruck ...schluck... und was sagt er : „ Have a nice trip and take care!“ Einfach nur eine gute Reise? Ohne Kontrolle? Das muss man uns nicht 2 x sagen!

 

Die Region um die „Finger Lakes“ soll eigentlich für die nächsten Tage unser Ziel sein, aber ihr kennt es bereits, 1. kommt es anders und 2. als man denkt. Mein Husten wird immer hartnäckiger, die Nächte für uns beide somit recht schlaflos und da auch das Fieber immer höher wird, entschließen wir uns am nächsten Morgen zu einem Besuch im Krankenhaus. Ein Hospital ist schnell gefunden, eine riesige Anlage und wir können mit Monster bequem vor der Notaufnahme parken. Drinnen läuft alles super professionell, Name und Geburtsdatum sind gefragt und schon wird mir ein Armbändchen mit meinen Daten verpasst. Nix mit Versicherungskärtchen oder Fragen nach der Bezahlung, hier scheint der Patient an 1. Stelle zu stehen. Keine Minute später liege ich verkabelt auf einer Liege und nach einer weiteren Minute ist der Doc da. Kaum habe ich meine Symptome geschildert, wird meine Lunge bereits durchleuchtet und ca. 30 Minuten nachdem wir das Krankenhaus betreten haben, steht die Diagnose fest. Eine leichte Lungenentzündung und es führt kein Weg an einem Antibiotikum vorbei.

 

Es ist ein langes Wochenende und wir steuern den Cunningham State Park, in dem wir gerade noch ein Plätzchen ergattern können. Die Amis scheinen ein sehr campfreudiges Völkchen zu sein, denn überall ist der Teufel los und das obwohl es schnatterkalt ist. Wir sitzen leicht fröstelnd auf unseren Lammfellen am Feuer und in Monster läuft die Heizung, als unser Campnachbar erscheint. Der Typ, schwarz wie die Nacht, trägt am Oberkörper außer Muskeln nur ein leichtes T-Shirt und sagt auf die Frage, ob er nicht friere:“ Hey man, ich stamme aus Alaska!“ Hm, ich hätte schwören können, dass seine Vorfahren aus dem deutlich wärmeren Afrika stammen...

 

Am nächsten Morgen regnet es in Strömen und die geplanten Wanderungen müssen ausfallen. Stattdessen fahren wir ein Stückchen zurück nach Harrisburg wo wir auf dem Hinweg einen Laden namens „Outdoor World“ gesehen haben. Allein der Anblick von außen hat unsere Neugierde geweckt, was mag da nur von innen auf uns warten? Kinder, ich sag's euch, dies hier ist jedenfalls kein gewöhnlicher Campingladen, sondern ein Paradies für Jäger und Angler. Der 1. Eindruck von innen? Ein Wasserfall, der in ein Aquarium stürzt, in dem selbstverständlich echte Fische herumschwimmen, beobachtet von Bären und anderem Getier, leider ausgestopft...mir bleibt der Mund offenstehen. Wo sind wir hier? Ist das alles noch normal? Aber keine Sorge, es wird noch krasser! Während wir, auf der Suche nach einer profanen Ersatzkartusche für unseren Wasserfilter, so durch die Abteilungen wandeln, streifen wir natürlich auch andere Sektoren und können es kaum fassen. Nicht nur dass man ein schickes (??) Jäger-Tarnkostüm erwerben kann, nein, selbstverständlich gibt es auch die dazugehörigen Waffen nebst Munition. Reihenweise alles was wir Ahnungslosen uns vorstellen können, Winchester, Colt, Revolver, Pumpgun etc.pp

Noch Tage später stehe ich unter dem Eindruck dieser Erfahrung.


Eine der wenigen Großstädte, die wir ausnahmsweise mal besuchen wollen, ist Washington. Bei unseren Recherchen im Internet haben wir einen kleinen Statepark am Rande der Stadt gefunden, von dem wir eine gute Verkehrsanbindung haben. Mit Bus und Metro können wir von hieraus bequem zur Besichtigungstour aufbrechen ohne Monsterchen bewegen zu müssen. Früh am nächsten Morgen soll es losgehen, doch wieder mal kommt es anders, denn wir lernen Walle und Gisbert kennen. Die beiden waren mit ihrem deutschen Wohnmobil für 6 Monate in Kanada und den USA unterwegs und genießen jetzt noch ihre letzten Tage vor der Rückverschiffung. Die zwei sind uns auf Anhieb sehr sympathisch und transportieren uns am nächsten Tag in die Stadt. Was diese Stadt zu bieten hat ist schlicht genial. Unzählige Museen und Denkmäler die wirklich sehenswert sind. Und dazu noch Ausstellungen wie z.B. das Air und Space Museum, wo die Fliegerei bis hin zur Raumfahrt mit Fluggeräten aus der ganzen Welt dargestellt wird. 

Diese alle aufzuzählen würde meinen bescheidenen Rahmen bei weitem übersteigen, aber das Tollste daran: bis auf wenige Ausnahmen sind alle kostenlos! Dazu die Architektur der Stadt, die alleine schon sehenswert ist. Weitläufig gebaut, keine Wolkenkratzer, viele Parks und Grünflächen zwischen den monumentalen Denkmälern. Eigentlich nur etwas schade, dass Obama erst nach Hause kommt, als wir mit unserer Besichtigungstour schon fertig sind. Auf dem Rückweg zum Auto sehen wir lediglich 4 Hubschrauber über unseren Köpfen, von denen 2 auf dem Rasen des Weißen Hauses landen während die anderen beiden in der Luft kreisen.


2 Tage Großstadt sind für uns Landeier deutlich genug, wir brechen auf zum Shenandoah Nationalpark und dem Blue Ridge Parkway. Der Shenandoah liegt nur 120 km westlich von Washington D.C., ist daher auch für uns heute noch gemütlich zu erreichen. Insgesamt verbringen wir 8 Tage in diesem tollen Gebiet, denn da wo der Skyline Drive endet, beginnt der Blue Ridge.

Während der Weltwirtschaftskrise wurde der Parkway von Präsident Roosevelt zur Schaffung von Arbeitsplätzen in Auftrag gegeben und beschert uns heute über 700 km in luftiger Höhe mit grandiosen Aussichten. 

Wir genießen die Tage in der Natur, sind viel per Pedes unterwegs und aufgrund der zahlreichen Campgrounds müssen wir uns über die Übernachtungsmöglichkeiten keine großartigen Gedanken machen. Während bei den größeren Plätzen in der Regel eine Rangerstation vor Ort ist, muss man sich an den kleineren selbst registrieren. Das bedeutet, man gurkt über das ganze Gelände, stört dabei gehörig die anderen Camper, sucht sich einen Platz aus, hinterlässt irgendetwas Persönliches zum Zeichen, dass dieser Platz belegt ist und gurkt anschließend zum Eingang zurück. Dort füllt man nun einen kleinen Umschlag aus, trennt seine persönliche Quittung ab, legt die Gebühr in den Umschlag und wirft diesen in einen Sammelschacht. So weit, so gut und das Tollste, es scheint hier perfekt zu funktionieren. Für jeden Amerikaner scheint es eine Frage der Ehre und selbstverständlich, dass man die Gebühren zahlt. In Europa hingegen würde ohne Kontrolle vermutlich kaum ein Mensch bezahlen, ganz im Gegenteil, man muss noch befürchten, dass das ganze Kassenhäuschen über Nacht abgebaut worden ist...

Doch der Amerikaner ist anders, nicht besser nicht schlechter, aber definitiv anders und insgesamt  macht er einen sehr wissbegierigen Eindruck. Wo immer wir auch auftauchen, Monster ist die Attraktion schlechthin. Für uns dabei sehr gewöhnungsbedürftig ist allein die Tatsache, dass die Leute dabei keinerlei Rücksicht nehmen. Egal ob wir gerade telefonieren, uns mit anderen Menschen unterhalten oder anderweitig beschäftigt sind, der Ami quatscht dazwischen. Kein Mensch sagt: „Guten Tag“ oder „Entschuldigung, dass ich störe“. Selbst als wir bis zum Bauchnabel derart in Monsters Motorraum hängen, dass nur noch unsere Beine hervorschauen, hören wir tief unten:„ What the hell is that, Sir?“ Ob es daran liegt, dass die Jungs nur wenig Zeit haben? Jedenfalls hören sie nach der Hälfte einer Antwort nicht mehr zu und verabschieden sich stattdessen mit den Worten: es war schön mit dir gesprochen zu haben!