Nepal: November 2005

Nach unserer Schlagbaumpassage irren wir ein wenig im Niemandsland herum, passieren mehrere Militärposten und fragen uns, ob wir denn eventuell schon in Nepal eingereist sind. Mehr oder minder zufällig finden wir das Immigration Office, in dem uns ein freundlicher Herr begrüßt. Ohne Probleme bekommen wir ein Visum für 60 Tage und er lässt uns die Wahl wie viel Bakschisch wir ihm geben wollen. Er lässt sich seine Enttäuschung auch kaum anmerken, als es „nur“ 3 US$ gibt und wünscht einen angenehmen Aufenthalt.

Wir fahren noch an etlichen Schlagbäumen vorbei und ich habe anschließend den Eindruck, wenn das Abstempeln des Carnet de Passage für uns nicht so wichtig gewesen wäre, hätten wir auch ohne einreisen können. Niemand fragt mehr nach unseren Pässen und Einreisestempel gibt es auch nicht. Die Nepalesen scheinen sehr friedfertige Menschen zu sein.

 

Am frühen Nachmittag erreichen wir Mahendranagar, dort möchten wir die erste Nacht verbringen, uns auf Land und Leute einstimmen und selbstverständlich Geld tauschen. Das gestaltet sich etwas schwierig, denn nicht alle Banken tauschen Travellerschecks. Erst bei der Western Union werden wir fündig. 3 fröhlich grinsende Männer tragen sehr gewissenhaft sämtliche Schecks und Personendaten in irgendwelche Listen ein, ein Laufbursche verschwindet mit den Schecks, um kurze Zeit später mit nepalesischen Rupien wieder aufzutauchen. Für 1 US$ gibt es 72 NPR, der Euro liegt bei 83 NPR. Die ganze Prozedur nimmt doch fast ein Stündchen in Anspruch, aber vor der Dämmerung finden wir das angestrebte Hotel „Sweet Dream“, auf dessen Rasen Monster dann zur Ruhe kommt. Wir wandern noch einmal durch den Ort und versuchen während zahlloser Stromausfälle und zur Belustigung der örtlichen Dorfjugend unsere Emails abzusetzen.

Nach dieser zeitraubenden Tätigkeit trauen wir uns auf ein Bier in eine „Kneipe“ bevor wir zum Abendessen ins Hotel zurückkehren. Wir sind die einzigen Gäste und werden großzügig mit einer Speisekarte versorgt. Leider sind anscheinend alle Gerichte gerade aus und so lernen wir das Nationalgericht „Dal Bhaat“ kennen. In der Regel besteht dieses aus einer Art Linsensuppe, Reis und Gemüsecurry, mit viel Glück findet man ein Stückchen Huhn, das Ganze wird aufgepeppt durch Mixpickles. Es mundet uns aber ausgezeichnet.

 

Die Fahrt zum Bardia Nationalpark am nächsten Morgen gestaltet sich relativ entspannend, nach der enervierenden, indischen Fahrweise sind wir angenehm überrascht. Im Nationalpark später muss ich desöfteren auf’s Dach, um uns von tiefhängenden Stromleitungen zu befreien. Wir quartieren uns im Garten des „Jungle Base Camp“ ein, dessen Besitzer am nächsten Morgen als Guide mit uns in den Dschungel wandert.

Morgens um 6.00 Uhr machen wir uns auf den Weg, nicht ohne genaue Anweisungen für den Fall einer Tierbegegnung. Treffen wir auf ein Nashorn, müssen wir uns hinter einem dicken Baum verstecken und 3 Angriffe abwarten, beim Elefanten hilft nur noch ins Dickicht oder in unwegsames Gelände rennen und beim Tiger sollen wir ruhig stehen bleiben und Augenkontakt suchen. Da wir voraussichtlich sowieso vor Schreck erstarren, scheint das die leichteste Variante. Einigermaßen beunruhigt ob unseres wagemutigen Abenteuers laufen wir los und laufen und laufen. Die einzigen Tiere, die wir unterwegs treffen sind Blutegel. Die Biester beißen doch tatsächlich durch die Socken und saugen sich fest. Sehr unangenehm, wir stellen jedoch fest, dass Autan auf der Kleidung gegen die Angriffe hilft.

Einige Zeit verbringen wir leider erfolglos auf einem Hochsitz, bevor wir uns nochmals ins Gebüsch vorwagen. Heute scheint uns das Glück nicht hold zu sein und so treten wir nach ca. 15 Kilometern in 9 Stunden den Rückweg an. Aber so ist es halt in der Natur, wir sind ja schließlich nicht im Zoo.

 

Abends gibt es in der Lodge das obligatorische Dal Bhaat während einer Tierbegegnung der besonderen Art. An einem Balken in Jupp’s Rücken laufen die Ratten auf und ab. Um jedoch einer panikartigen Abreise vorzubeugen, beschließe ich diesen Ausblick für mich zu behalten.

 

Wir benötigen den ganzen folgenden Tag um die knapp 180 Kilometer nach Tansen zu bewältigen. Es geht über Serpentinen auf und ab, aber die traumhafte Landschaft entschädigt für alles. Erst als wir in der Dunkelheit immer noch auf Feldwegen das Hotel Shrinagar suchen, wird uns doch etwas mulmig. Wir sollten eigentlich nur noch 100 m vom Hotel entfernt sein und sind somit etwas befremdet, dass uns niemand den Weg weisen kann. Die Spannung löst sich erst, als uns, endlich im Hotel angekommen, ein Kellner namens „Rambo“ (angesichts einer Körpergröße von 150 cm sehr optimistisch) mit den Worten: “Hallo, wie geht’s?“, begrüßt. Ein lustiges Kerlchen, der uns beim Abendessen ständig mit seinen Deutschkenntnissen und Fragen aufheitert.

Beim Sonnenaufgang am Morgen hüllt sich Annapurna leider in Wolken und Nebel, ist also nichts mit traumhaften Blick aus dem Bett und so beschließen wir noch einen weiteren Tag zu verweilen.
Nach dem Frühstück kommen auf einem Moped zwei Weißgesichter vorbei und wir lernen die Amerikaner Heather und Brad kennen. Die beiden wohnen in Aspen und sind bereits seit 7 Wochen in Nepal unterwegs. Wir kommen ins Quatschen und verabreden uns spontan zum Abendessen im Restaurant Nanglo West. Es wird ein vergnüglicher Abend mit hervorragendem Essen, ausnahmsweise mit Huhn ohne Dal Bhaat, in diesem traditionellen Restaurant.

 

Die gute Stimmung wird alleine dadurch etwas getrübt, dass wir wie die Schulkinder um 20.00 Uhr wieder zuhause sein sollen. Unser Hotelbesitzer hat es uns nahe gelegt, es sei mal wieder zu gefährlich. Brav wie wir sind machen wir uns also zeitig auf den Heimweg. Die Warnung hat einzig zur Folge, dass wir uns jetzt unsicher fühlen wo wir ansonsten völlig unbedarft herumgelaufen wären. Jedenfalls kommen wir heil und unbelästigt bei Monster an und fragen uns wieder einmal, warum alle ständig von Gefahr sprechen, die Nepalesen sind ein absolut friedfertiges Volk.

 

Auch beim nächsten Sonnenaufgang können wir nur einen kurzen Blick auf Annapurnas Gipfel erhaschen bevor er wieder im Nebel versinkt, was hilft es also, wir fahren weiter nach Pokhara. Nach jeder Kurve zeigt sich uns ein anderer Ausblick auf die Gipfel des Himalaya und so erreichen wir am Nachmittag unser Ziel. Pokhara ist hinter Kathmandu der populärste Platz in Nepal und teilt sich in drei Abschnitte. Der älteste Teil ist um den geschäftigen Bazar herum, in „Damside“ sind etliche Hotels und eine kleine Auswahl an Restaurants und in „Lakeside“ toben die Touristen herum. Shops und Restaurants reihen sich aneinander. Der ehemalige Campingplatz am See entpuppt sich als wilde Wiese, die von den Einheimischen und ihren Kühen bevölkert wird und infolgedessen quartieren wir uns im wunderschönen Garten des Hotels „Mountain House“ ein.

 

Dort müssen wir uns zunächst mal um unsere Wäsche kümmern, die bereits seit 3 Tagen in der Tonne gespült wird und auch Monster ruft nach Pflege. Abends bummeln wir durch den Ort auf der Suche nach einem geeigneten Restaurant für’s Abendessen und finden….einen Omega Caravan mit Rüdesheimer Kennzeichen. Leider sind die Besitzer nirgendwo aufzutreiben und so nehmen wir nur noch Nahrung auf und trollen uns wieder nach Hause. Am Sonntagmorgen stecken dann unerwartet zwei deutschsprachige Menschen den Kopf durch Monster’s Türe, Marianne und Rainer, die Besitzer des Omega. Bereits seit 7 Monaten unterwegs, sind die zwei ganz langsam auf dem Rückweg in Richtung Heimat. Zwischen Tür und Angel quatschen wir gleich 2 Stunden und verabreden uns schlussendlich zum Abendessen.

 

Es wird ein interessanter Abend und wir landen seit langem mal wieder erst um 23.00 Uhr im Bett. Nach 2 Tagen Nichtstun raffen wir uns zur Besteigung von Sarangkot, 1592 m hoch, auf. Etliche Trecker nutzen diese Wanderung zum Warmlaufen für ihren eigentlichen Treck, aber für uns Flachlandtiroler ist sie schon Herausforderung genug. Wir fahren mit Maschine (sie gibt ihr letztes) soweit es eben geht hinauf und erklimmen den Rest auf Schusters Rappen.

Ziemlich gebeutelt müssen wir zum Schluss noch die steilen Treppen zum ehemaligen Fort, heutige Aussichtsplattform, bezwingen, bevor wir mit einem traumhaften Blick belohnt werden. Das Panorama umfasst einen flüchtigen Blick auf Dhaulagiri, Annapurna Süd und Hinuchuli mit den Gipfeln von Annapurna dahinter, der unverwechselbare Machhapuchhare, Annapurnas III, IV und II. Wieder in Lakeside angekommen, kurven wir am ehemaligen Campingplatz vorbei und sehen mit Erstaunen, außer dem scheint’s dort beheimateten alten Schweden, 1 holländisches Wohnmobil. Nix wie hin, sind wir doch schließlich Nachbarn und so lernen wir Chantel und Ton mit Hund Floor kennen. Die drei sind in 5 Wochen bis Nepal gebraust und immer noch ziemlich mitgenommen von der Pakistandurchquerung.

Im Gespräch stellt sich heraus, dass es ihnen genauso ergangen ist wie uns und sie uns schon seit Tagen verfolgen. Da man sich an allen Kontrollposten mit Autokennzeichen eintragen muss, haben sie sich bereits gefragt, wer wohl die Klever sind, die immer ein paar Tage Vorsprung haben. Es wird ein gemütlicher Nachmittag und da die beiden an ihrem Standort nicht so ganz glücklich sind, empfehlen wir ihnen das Mountain House.

Neugierig wie wir sind, gehen wir am nächsten Tag natürlich wieder am Campingplatz vorbei und siehe da, ein Auto mit deutschem Kennzeichen. Christine und Gunther sind doch tatsächlich seit 1990 mit ihrem Mercedes Geländewagen unterwegs und haben wohl zum jetzigen Zeitpunkt mehr als 130 Länder der Erde bereist. Inzwischen fahren die beiden immer „nur“ 6 Monate, legen einen Zwischenstopp in Deutschland ein (das Auto bleibt am letzten Halt) und machen sich dann wieder auf den Weg. Wir haben alle Hochachtung vor ihnen, mehr oder minder ständig draußen zu leben, mit einfachsten Mitteln und niemals eine Privatsphäre zu haben,…wow!!

 

Wir dagegen haben es im Vergleich leicht, unser kleines privates Reich in Monster, mit Dusche, Warmwasser, Heizung und Kühlschrank erhöht noch unseren Respekt vor den beiden. Die Männer fachsimpeln über ihre Fahrzeuge, während wir Frauen über die alltäglichen Dinge des Lebens quatschen. Es wird bereits dunkel, als wir uns endlich losreißen und so wundern wir uns eigentlich kaum, als am nächsten Morgen zumindest Chantel und Ton im Mountain House Quartier beziehen.

 

Einige Zeit später stoßen auch Gunther und Christine dazu, aber leider nur um Abschied zu nehmen, denn sie möchten zum Sonnenunter- und aufgang hinauf nach Sarangkot und dann weiter ihrer Wege ziehen. Die Tage plätschern so dahin, wir kommen endlich einmal richtig zur Ruhe und müssen uns keinerlei Gedanken über einen Nachtplatz, Lebensmitteleinkäufe oder Straßenverhältnisse machen. Ich glaube für den, der es nicht kennt, schwer nachvollziehbar, für uns ein absoluter Luxus. Als wir in einem Laden dann auch noch gefrorene, deutsche Bratwurst entdecken, ist es einfach nicht mehr zu verhindern. Juppi läuft zu großer Form auf und organisiert kurzerhand eine Grillparty. Es wird ein voller Erfolg, mit „ german Bratworst“ (verfeinert zur Currywurst) and beer. Die Nepali trauen ihren Augen kaum, aber Chantel, Ton, Marianne, Rainer und selbstverständlich auch ich sind voll des Lobes.

Bei Einbruch der Dunkelheit löst sich die Gesellschaft langsam auf und so schaffen wir es am nächsten Morgen trotz Party die World Peace Pagode, die größte buddhistische Stupa ca. 1000 m hoch, zu erklimmen. Ton schwächelt zwar an manchen Stellen und auch wir sind gehörig verschwitzt, aber immerhin es ist vollbracht. Herunter geht es zwar steiler, aber irgendwie leichter und zum Abschluss lassen wir uns über den Phewa Lake zurück nach Lakeside rudern. Soviel Einsatz belohnen wir gleich mit einem Besuch in einer „german Bakery“ und Apfelstrudel, der aber nicht unsere Zustimmung findet.

 

Zurück im Mountain House tauchen unerwartet Heather und Brad (aus Tansen) auf, große Freude, viel Gequatsche, viele Erlebnisse müssen ausgetauscht werden. Irgendwie trifft man anscheinend ständig die gleichen Leute wieder.

Dienstag wollen auch wir den Sonnenaufgang auf Sarangkot erleben und so klingelt um 4.30 Uhr der Wecker. Dick vermummt (man glaubt es kaum, es ist schnatterkalt) brettern wir im Stockdunkeln den Berg hinauf, jedenfalls bis Maschine erschöpft aufgibt, der Rest muss mit Menschenkraft bewältigt werden. Zu dieser frühen Stunde, ohne Nahrung und nur mit Taschenlampe bewaffnet ist das auch nicht ohne, doch wir schaffen es gerade noch rechtzeitig und werden mit einem wunderschönen Sonnenaufgang belohnt.

Einzig die vielen Touristen, die später auftauchen, sind etwas störend. Aber nicht lange, denn als sich diese als eine Art Chor entpuppen, die mit nepalesische Weisen Annapurna besingen, läuft mir doch eine Gänsehaut den Rücken hinunter und ich bin zu Tränen gerührt. Ein wirkliches Erlebnis!! Auf dem Rückweg erledigen wir unsere Emailpflichten und Einkäufe in Pokhara City, man spart schließlich wo man kann. Bei unserer Rückkehr ins Mountain House hat die Campergemeinde noch mehr Zuwachs bekommen. Die englische Company „Exodus“ unternimmt mit einem offenen Truck und Zelten eine geführte Campingreise durch Nepal und Indien, dieses Mal sind es 16, überwiegend jüngere Leute. Jedenfalls bekommt man auf diese Art des Reisens für relativ kleines Geld eine Menge von Land und Leuten zu sehen.

 

Abends treffen wir Heather und Brad zum Pizza essen und da die beiden ebenfalls nach Kathmandu weiter wollen, bieten wir entgegen unserer Vorsätze eine Mitfahrgelegenheit an. Am Donnerstagmorgen soll es losgehen und so verbringen wir den Mittwoch mit Reisevorbereitungen, alles muss wieder schüttelfest verstaut werden. Walters ehemaliger Sitzhocker kommt vom Dach herunter und wieder in den Einsatz zwischen unseren Sitzen. Die Abfahrt beginnt zunächst einmal mit Verspätung, leichtsinniger Weise war unsere Zeitangabe etwas ungenau, so 9.00 – 9.15 Uhr, und so taucht um 9.30 Uhr zumindest Brad schon mal auf. Heather hängt noch irgendwo beim Frühstück herum, was aber nicht ganz so tragisch ist, da die Leute von Exodus auch nicht aus dem Quark kommen und Monster leider hinter ihnen steht.

 

Um 10.00 Uhr kommt dann langsam Bewegung in die ganze Bande, noch schnell Abschiednehmen von Chantel und Ton und die Reise kann losgehen. Wir sind kaum 15 Minuten unterwegs, da werden wir wieder mit dem prallen nepalesischen Straßenverkehr konfrontiert und was kommt? Ihr werdet es kaum glauben, der rechte Außenspiegel bleibt wieder auf der Strecke. Dieses Mal bekomme ich einige Splitter ab, die neben mir auf Walters Hocker sitzende Heather bleibt glücklicherweise unversehrt. Das fängt ja toll an, aber wider Erwarten erreichen wir ohne weitere Vorfälle den erstrebten Zwischenstopp, Bandipur.

Bandipur ist ein pittoreskes Bergdorf mit einem 180° Blick auf das Himalayamassiv und so wird Jupp wieder etwas für die abenteuerliche Anfahrt entschädigt. Wir wandern durch das Dorf, kehren im Old Inn ein, die Aussicht aus dem Toilettenfenster sollte man nicht verpassen, und möchten einen kleinen Imbiss zu uns nehmen. Leider ist dieses nicht möglich. Die Begründung, dass heute Exodus anreist, mutet allerdings etwas seltsam an. Stattdessen kaufen wir am Straßenrand frische Mandarinen, wobei wir feststellen, dass 1 Kilo wesentlich günstiger ist als 4 Stück. Ob es an irgendwelchen Rechenkünsten scheitert? Auf dem Weg nach unten kommt uns dann tatsächlich Exodus entgegen, allerdings „Gott sei Dank“ ohne Truck, sondern in Jeeps, ansonsten hätte uns der schmale Weg vor einige Probleme gestellt.