Indien: Oktober 2005

Der Grenzübergang Wagah bzw. Attari Road auf indischer Seite ist nur für Touristen und Fußgänger geöffnet.

Busreisende aus beiden Ländern müssen auf der einen Seite den Bus verlassen, die Zollformalitäten zu Fuß abwickeln und können dann auf der jeweils anderen Seite in den dort wartenden Bus einsteigen, der dann quasi wieder zurück fährt. Der LKW-Transport gestaltet sich etwas schwieriger. Jeder einzelne wird in Pakistan entladen und die Kisten werden von pakistanischen Trägern genau bis zur Grenzlinie getragen, dort von indischen Trägern übernommen und einzeln auf die indische Seite in ein Zollgebäude befördert.

 

Nach einer genauen Kontrolle jeder Kiste können diese dann von anderen Trägern wieder auf einen indischen LKW verladen werden. Warum einfach, wenn es auch umständlich geht.

 

Wir haben Monster absichtlich schön dreckig gelassen, denn wie wir gehört haben machen sich die indischen Grenzbeamten nicht gerne schmutzige Hände. Genauso ist es dann auch, nur der Innenraum, die Fahrgestellnummer und die Motornummer werden kontrolliert und so haben wir nach 1 Stunde bereits alles geschafft. Das Abenteuer Indien kann beginnen.

 

Wieder auf der Straße nimmt schlagartig der Verkehr zu. Menschen, Kühe, Rikschas, Autos und Eselskarren, alles wuselt durcheinander. Sehr gewöhnungsbedürftig!!

 

In einem fürchterlichen Chaos kämpfen wir uns auf der Suche nach Mrs. Bhandari`s Guesthouse durch Amritsar bis wir verzeifelt eine Motorrikscha entern. Ich fahre also in der Rikscha voraus während Monster und Juppi versuchen uns zu folgen. Klappt eigentlich ganz gut, nur scheint dem Rikschafahrer unsere Größe nicht ganz bewusst zu sein. Wir enden vor einem Straßenbalken in 2 Metern Höhe und ich brauche fast 5 Minuten um dem Fahrer zu erklären, dass Monster dort unmöglich durchpasst. Kann doch eigentlich nicht so schwer sein, oder? Schlussendlich kommen wir ziemlich gebeutelt beim Guesthouse an und schwören uns dieses vorläufig nicht mehr zu verlassen. Monster findet einen schönen Platz im Garten und die beiden Insassen schleppen sich 2 Tage land nur zum Pool und zurück. Welch eine Wohltat, Lärm, Dreck und Chaos bleiben draußen, wir sind in einer Oase.

 

Irgendwann regen sich unsere Lebensgeister wieder und wir trauen uns vor die Türe. Siehe da, das Chaos ist gar nicht so groß wie befürchtet, es macht regelrecht Spaß durch die Straßen zu schlendern und das Treiben zu beobachten. Die freilaufenden Kühe, Schafe, Ziegen, Schweine und Hühner sind zwar etwas irritierend, aber man gewöhnt sich bekanntermaßen ja an alles. Wir decken uns mit Bargeld, Telefonkarte und einer Kfz-Versicherung für Indien und Nepal ein bevor wir in unsere Burg zurückkehren, um sowohl Monster als auch unsere Wäsche zu reinigen.

 

Am nächsten Morgen chartern wir früh eine Fahrradrikscha und fahren zum goldenen Tempel.

Sein Standort ist symbolisch: in einem künstlichen, rechteckigen See, dem „Nektar der Unsterblichkeit“ (Amrit Sarovar), nach dem die Stadt ihren Namen bekam. Die breiten, marmorgepflasterten Uferwege sind von blendend weißen Arkadengebäuden umgeben. Ein Brückensteg führt zum Tempel (Hari Mandir) hinüber. Direkt gegenüber befindet sich das zweitheiligste Gebäude, das Akal Takht, der Sitz der religiösen Leitung der Sikhs. Jeden Morgen wird das Heilige Buch der Sikhs, Guru Granth Sahib, in einer feierlichen Zeremonie zum Tempel hinübergetragen und abends wieder zurückgebracht. Im Tempel wird Stunde um Stunde laut daraus vorgelesen, ein professioneller Vorleser braucht 2 Tage, um das Buch vollständig zu rezitieren. Wir Besucher müssen unsere Schuhe und Strümpfe in Verwahrung geben und unsere Köpfe bedecken, sodass fortan auch Jupp mit einem Kopftuch herumläuft. Außerhalb des eigentlichen Tempelbereiches befinden sich die Wirtschaftsgebäude. Dort bekommt man für maximal 3 Nächte einen Gratis-Schlafplatz und es werden täglich tausende von Pilgern, auch Andersgläubige, kostenlos mit Essen verpflegt. Auch wir werden herzlich eingeladen, verzichten aber angesichts unserer europäischen Mägen.

Nach 4 Tagen Idylle machen wir uns am Samstagmorgen wieder auf den Weg, wir wollen heute bis kurz vor Delhi. Unterwegs werden wir auf ein Neues mit der prallen indischen Fahrweise konfrontiert, alles bisher Erlebte ist nichts dagegen.

 

Indiens Straßenverkehr wird bestimmt vom Gesetz des Stärkeren. „Kings of the road“ sind zweifelsohne die vielen Lkw und nur die waghalsigen Busfahrer fordern die großen Trucks zu riskanten Ausweichmanövern auf, die natürlich immer wieder zu Unfällen führen. Pkw stehen an dritter Stelle der Rangliste, gefolgt von Autorikschas und Fahrradfahrern. Das Ende der Kette bilden die Fußgänger. Wer eine Straße überquert, sollte nicht damit rechnen, dass Autos und Fahrräder bremsen, meist wird versucht, dem lästigen Zweibeiner durch einen Schlenker auszuweichen. Sämtliche Aktionen werden von einem lauten Gehupe begleitet, wir sollten in den indischen Hörgeräte-Aktienmarkt investieren. Für uns wird das Ganze noch durch den Linksverkehr gekrönt und so müssen wir nach dem heutigen Reisetag 4 (in Worten vier) Unfälle vermelden. Zuerst wird der linke Außenspiegel von einem uns links überholenden Bus gestreift, anschließend rammt uns ein weißer Geländewagen, der sich nach einem gewagten Überholmanöver noch vor Monster zwängen will. Die grünen Streifen auf dem weißen Fahrzeug machen sich rein farblich eigentlich sehr gut, ob die flatternde Stoßstange und die Beulen in den Türen allerdings einen guten Eindruck hinterlassen, halten wir für fraglich.

 

Der Fahrer jedenfalls scheint einigermaßen verwirrt, denn bei seiner panikartigen Flucht überfährt er fast noch eine heilige Kuh, die sich nur durch einen beherzten Sprung in den Graben retten kann. Nummer drei ist dann wieder ein weißes Fahrzeug, deren Fahrer scheinen besonders draufgängerisch zu sein. Dieses Mal bemerken wir nur ein leichtes Rumpeln, Monster gibt einen sanften Ächslaut von sich und wir schauen uns fragend an. Ein Blick nach vorne unten rechts bestätigt unsere Vermutung, wieder einer von den Lebensmüden. Auch dieser ergreift mit seinem verbeulten Gefährt die Flucht, wir bleiben höchst erstaunt zurück. Den Schluss bildet schließlich mal wieder ein Bus, der beim Überholen unseren rechten Seitenspiegel rammt. Jetzt müssen wir doch mal etwas genauer betrachten, ob und welche Blessuren Monster davongetragen hat. Wir halten es kaum für möglich, aber außer einer kleinen Delle, etwas abgekratztem Lack am rechten Kotflügel und leichten Kratzspuren an unserer Abschleppstange macht alles einen tadellosen Eindruck. Halt doch deutsche Wertarbeit!!

 

Einigermaßen beruhigt setzen wir die Fahrt noch bis gegen Abend fort, bevor die abendliche Suche nach einem Übernachtungsplatz beginnt. Kurz vor Delhi verlassen wir die Hauptstraße und bitten bei einem eingezäunten Gelände um Asyl. Wie sich herausstellt sind wir bei einem Posten der Highway-Patrol gelandet und nach Rücksprache mit dem obersten Chef dürfen wir dort die Nacht verbringen. Im Laufe des Abends werden wir mit Essen und Trinken versorgt und bestens unterhalten. Das krasse Gegenteil zu Pakistan, wir fühlen uns wohl und sicher.

 

Den Sonntag verbringen wir mehr oder minder fahrend und mit dem Verkehr kämpfend in Monster, kommen aber heute mit heiler Haut davon, nur die Nerven sind leicht angeschlagen. Dieses Mal finden wir Unterschlupf in einer Art „Urbanizacion“, eine Ansammlung von gleichförmigen Neubauten, die von wohlhabenderen Indern bewohnt werden. Die ganze Anlage wird hervorragend bewacht und nachdem wir unser Interesse am Erwerb eines solchen Hauses kundtun, dürfen wir selbstverständlich die Nacht dort verbringen. Wir erhalten noch eine Führung durch die verschiedenen Häusertypen, müssen für einen Fototermin zur Verfügung stehen und uns ins Gästebuch eintragen. Ob wir jetzt in Indien zu Werbezwecken missbraucht werden bleibt zweifelhaft, jedenfalls sollte sich unser Sohn Dennis nicht über die Zusendung von indischen Häuserprospekten wundern. Naja, der Zweck heiligt die Mittel und so erreichen wir am nächsten Vormittag putzmunter den Grenzübergang Banbassa zu Nepal.

 

Die Abfertigungszeiten auf indischer Seite sind etwas seltsam, jeweils morgens, mittags und abends 1 Stunde. Vor einer einspurigen Brücke müssen wir warten bis wieder geöffnet wird, um dann mit Monster alles zu blockieren. Einige mutige Fahrradfahrer drücken sich an das Brückengeländer, für alle anderen heißt es warten.

Endlich auf der anderen Seite angelangt, erklären sich angesichts des seltsamsten, bisher erlebten Grenzübergangs merkwürdigen Öffnungszeiten. Ein offensichtlich angetrunkener indischer Grenzbeamte erleichtert uns um 50 Rupien Bearbeitungsgebühr, selbstverständlich ohne Quittung und nachdem bei einem Tee das Carnet de Passage ausgefüllt ist, können wir persönlich den Grenzbalken hochziehen und die Grenze(?) passieren.