Mauretanien 2: Dezember 2013

Am nächsten Morgen wird es noch besser, denn die geschobene Trasse verwandelt sich ca. 10 Kilometer vor der kleinen Ortschaft Ain Sefra in eine wunderbare Asphaltstrasse. Leider hält das gemütliche Fahren nicht lange an, denn kurz vor Ain Sefra ist das Teerband abrupt zu Ende und wir finden uns auf einer Geröllpiste wieder. Ist das nicht unglaublich? Das 1. und das letzte Stück der Strecke ist wildeste Piste und bis die Straße auf diesen Abschnitten fertig sein wird, ist das mittlere Teilstück wahrscheinlich schon wieder den Dünen anheim gefallen. Mit irgendeiner Logik hat das vermutlich nichts zu tun. Na jedenfalls wird die Strecke jetzt erst noch mal so richtig schlecht. Die Chinesen betreiben intensives Mining und befördern die Bodenschätze mit großen 6 x 6 Lkws, deren Fahrer wie die Geisterkranken über die Pisten hämmern und alles zu Schanden fahren. Wir rumpeln von Loch zu Loch, an manchen Stellen so dick mit Bulldust (Sand so fein wie Mehl) gefüllt, dass wir die Hand vor Augen nicht mehr sehen können. Dann wieder wird es übel steinig und da wir nicht ständig Luft ablassen oder auffüllen wollen, fahren wir mit etwas zu niedrigem Reifendruck. So kommt es, dass wir mit einem Mal ein verdächtiges Zischen vernehmen, dass uns zum Anhalten zwingt. Jow, hinten links hat uns ein scharfer Stein die Seitenflanke des Reifen aufgeschlitzt. Och nö, jetzt müssen wir zu allem Übel auch noch den Reifen wechseln.

Nach 4 sehr anstrengenden Fahrtagen, in denen wir uns immer wieder wundern, was so ein Auto alles kann und vor allen Dingen aushält, erreichen wir das Bab Sahara in Atar, wo uns Cora und Just freudig begrüßen.

Außer uns sind noch 1 Truck aus der Schweiz, 1 Truck aus Österreich und ein holländischer Toyota dort, der uns sogleich irgendwie bekannt vorkommt. Wir glauben unseren Augen nicht, als plötzlich Ria und Gerrit um die Ecke biegen. Mit den beiden verbindet uns eine unglaubliche Geschichte, die ich hier unbedingt mal erzählen muss.

Wir haben uns zum 1. Mal im Frühjahr 2006 in Vientiane, Hauptstadt von Laos, getroffen. Damals haben wir nur wenige Worte miteinander gewechselt, da Ria und Gerrit gerade Besuch aus Holland dabei hatten. Ein Jahr später kommen wir uns irgendwo an der Westküste von Australien entgegen und trinken miteinander einen Kaffee. Wiederum 1 Jahr später, parken wir Monster am Milford Sound in Neuseeland und sehen auf dem Weg zum Ausflugsboot den Toyota der beiden. Wir kritzeln einen Gruß in den Staub auf dem Auto und als wir von unserer Bootstour zurückkehren, haben die zwei auf uns gewartet. Abermals trinken wir einen Kaffee gemeinsam und quatschen ein bisschen länger. Ihr ahnt es bereits, nicht? Wieder 1 Jahr später fahren wir zu Weihnachten auf einen Campingplatz in Ushueia und wer steht dort? Klaro, Ria und Gerrit. Wir witzeln, dass wir uns vermutlich beim nächsten Mal irgendwo in Afrika treffen, was aber wohl nicht wahrscheinlich ist, da die zwei Afrika bereits bereist haben. Entgegen allen Erwartungen treffen wir uns nun doch hier und das wohlgemerkt, obwohl wir niemals in Email oder anderen Kontakt miteinander gestanden haben. Ist das nicht eine tolle Story?

Nachdem wir meinen Geburtstag zünftig bei einem Ziegenessen alle gemeinsam gefeiert haben (selbst der kleine Paul aus Wasserburg am Inn ist inzwischen hier eingetroffen), brechen wir über die Weihnachtstage nochmals in die Wüste auf. Chinguetti und Oudane sind unsere Ziele. Zunächst geht es über die frisch planierte Piste bis nach Chinguetti, das noch heute als eine der sieben heiligsten Städte des Islam gilt und dann biegen wir im Ort in ein sandiges Tal ab. Schöne Dünen begrenzen die Talränder und überall sind noch die traditionellen Khottara-Brunnen im Einsatz.

Das Fahren macht Spaß, endlose Sanddünen, davor die Palmen einer Oase, einfach schön. Na jedenfalls solange wir im Tal herumkreuzen, denn als wir dieses verlassen, wird es wieder lustig. Die Orientierung ist schwierig, manches Mal stehen wir vor einer der großen Walrückendünen und sehen kein Weiterkommen, doch kein einziges Mal vergräbt sich Monster im Sand. Mit stark reduziertem Luftdruck machen ihm die Dünen keine Probleme. Wir verbringen eine absolut ruhige Nacht unter einem wunderschönen Sternenhimmel, völlig allein denken wir. Aber weit gefehlt! Kaum haben wir morgens unsere Köpfe heraus gesteckt, da begrüßen uns zwei Nomadenfrauen, die mit ihrem „Bauchladen“ aus dem Nirgendwo aufgetaucht sind. In aller Ruhe werden 2 Tücher ausgebreitet und mit allerlei Krimskram belegt, der Verkauf kann beginnen. Fast eine Stunde zieht sich das Palaver hin und am Ende haben wir eine Holzschale gekauft, die wir eigentlich gar nicht brauchen. Natürlich darf auch ein Cadeau nicht fehlen und so ziehen die beiden mit Schulheften und Kugelschreibern ausgerüstet von dannen. Beim Weiterfahren sehen wir später ihre ärmlichen Behausungen und welch weiten Weg die Frauen heute Morgen schon zurückgelegt haben.

Nach ca. 100 Kilometern reiner Sandfahrt erreichen wir die alte Karawanenstadt Oudane. In früheren Tagen trafen sich hier die wichtigsten Karawanenrouten und es wurde ein lebhafter Handel betrieben. Davon ist heute nichts mehr zu verspüren, der Ort verströmt eher eine beschauliche Ruhe. Noch ruhiger wird es in Richtung des Kraters Guelb er Richat, der mit 40 km Durchmesser eine der spektakulärsten geologischen Erscheinungen der Sahara ist. Leider jedoch nur aus der Luft, am Boden macht er einen recht bescheidenen Eindruck. Doch wie heißt es immer so schön, der Weg ist das Ziel und die Nächte in der Sahara sind einfach grandios.

Nach 5 Tagen sind wir zurück in Atar, gerade rechtzeitig um am Sylvesterbüffet teilzunehmen, bei dem eigentlich nur ein Gläschen Wein fehlt. Laut Cora und Just ist es in Mauretanien zurzeit fast unmöglich irgendwo Alkohol zu kaufen, selbst die Hauptstadt Nouakchott scheint trocken zu liegen.

Unser Aufenthalt in Mauretanien neigt sich dem Ende entgegen. Für den Rückweg möchten wir nochmals die Piste entlang den Gleisen der Erzbahn fahren, in unserer Erinnerung keine besonders große Herausforderung. Die ersten Kilometer bis Choum führen zunächst durch das schöne Adrar-Bergland, doch dann wird die Piste steinig und heftiges Wellblech zerrt an den Nerven. Endlich ist die Bahnlinie erreicht und die Spur wird sandig, wir lassen Luft ab und Monster wühlt sich ganz brav durch den Sand.

Wie beim letzten Mal übernachten wir völlig ungestört beim Ben Amira, dem zweitgrößten Monolithen der Welt. Der nächste Tag bringt dann doch noch einige Überraschungen. Während wir so fröhlich vor uns hinfahren, hören wir zunächst ein Motorengeräusch und dann taucht auch schon ein anderer Overlandertruck neben uns auf. Wir bremsen und freuen uns schon auf einen netten Plausch, doch daraus wird nix, denn der Fahrer aus der Schweiz kurbelt nur kurz sein Fenster herunter, sagt: „Guten Tag“ und braust davon. Häh, was war das denn jetzt? Manchmal können wir nicht glauben, was passiert. Da fahren 2 Gleichgesinnte auf einer völlig einsamen Strecke und sprechen noch nicht einmal miteinander? Ich glaube, die Reisenden sind auch nicht mehr was sie mal waren. Aber es kommt noch besser. Ein paar Stunden später passen wir nicht so richtig auf und düsen in ein tiefes Weichsandfeld, in dem wir uns prompt bis an die Achsen festfahren. Nichts geht mehr, wir müssen tiefe Löcher graben um unter Monster von hinten an die Ventile zu kommen um weitere Luft abzulassen. Während wir so buddeln, hören wir abermals ein Motorengeräusch und siehe da, in der Ferne taucht der Schweizer wieder auf. Wir geben heftige Zeichen, damit er nicht auch noch in dieses Weichsandfeld fährt und warten bis er näher kommt. Während wir so dastehen, fährt dieser Flegel doch tatsächlich an uns vorbei und seine Frau winkt huldvoll aus dem Fenster. Ich denke noch kurz: warum winkt die denn jetzt? und dann begreife ich, der Kerl will tatsächlich nicht anhalten. Ich glaub’s doch nicht!! Wenige Augenblicke später scheint er sich besonnen zu haben, er stoppt doch noch. Doch nicht aus reiner Nächstenliebe, nein, der Ar…hat sich nun auch noch festgefahren. Diese Gerechtigkeit ist mir ein innerer Parteitag, wer sich so unsozial verhält, hat es nicht besser verdient. Dass wir auch weiterhin von diesem „netten“ Ehepaar keine Hilfe bekommen, ist auch klar, aber immerhin erteilt er uns noch „gute“ Ratschläge in welche Richtung wir aus dem Weichsand herausfahren sollen. Darauf haben wir gerade noch gewartet, ohne weitere Kommentare lassen wir den Reifendruck hinten bis auf 0,5 Bar ab und Monster fährt wie auf Schienen aus dem weichen Sand heraus. Der Schweizer kam übrigens auch alleine wieder raus und fuhr winkend an uns vorüber.

Am 04.01. erreichen wir am späten Nachmittag den inzwischen reichlich bekannten Grenzposten. Während ich auf das Stempeln der Pässe warte, sehe ich mal wieder, wie bei meinen Vorgänger die Geldscheine den Besitzer wechseln und wappne mich bereits. Ohne ein Wort werden unsere Pässe gestempelt, doch dann steht der Zöllner auf und bedeutet mir mitzukommen. Aha, denke ich, jetzt kommt es gleich, die obligatorische Frage nach Geld. Doch weit gefehlt, ich werde lediglich in ein anderes Büro geleitet, in dem ein Beamter Fingerabdrücke nimmt und Fotos macht. Wie jetzt? Bei der Ausreise? Ok, wenn sie es denn so haben wollen. Nur dauert mir die ganze Prozedur etwas zu lange und während ich fotografiert werde, nehme ich vorsichtshalber Jupps Ausweis mal wieder an mich. Sonst muss der arme Kerl hinter seinem Computer doch viel zu lange arbeiten, das kann ich ihm doch nicht antun, oder? Danach müssen wir nur noch das Passavant wieder abliefern und uns bei der Polizei abmelden und nach kaum 15 Minuten ist der ganze Grenzkram erledigt. So geht es auch!