Mauretanien 1: Dezember 2013

Die Fahrt durch das schreckliche Niemandsland zwischen Marokko und Mauretanien zieht sich mal wieder in die Länge, im Schritttempo holpern wir über Felsen und Steine. Überall liegt Müll herum, zuhauf demolierte Fernsehgeräte und anderes elektrisches Gerät und ungezählte Autowracks. Ob diese von ihren Besitzern defekt zurückgelassen oder vom Zoll konfisziert wurden, bleibt ungewiss. Unterwegs kommt uns eine Schwarzafrikanerin entgegen, die ihre Blöße notdürftig mit einem schwarzen Plastiksack bedeckt und anscheinend hier gestrandet ist. Welch schlimmes Schicksal!

Endlich beim mauretanischen Grenzposten angekommen, landen wir in einem ziemlichen Chaos bei der Fahrzeugeinreise. Eine große Menschentraube wuselt vor einem Büro herum und jeder versucht sich als Erster durch die Türe oder gar durchs Fenster zu zwängen, von etwaiger Reihenfolge keine Spur. Eine Zeitlang schaue ich mir dieses Treiben an und dann beginne ich ebenfalls ein bisschen zu schieben und zu drängeln. Mit Erfolg, denn ehe ich mich versehe, stehe ich vor einem Schreibtisch und werde aufgefordert ein Passavant (Genehmigung, ein ausländisches Fahrzeug in Mauretanien zu führen) auszufüllen. Hm, ich habe aber ein Carnet de Passage und möchte dieses ausgefüllt haben.

Wie zu erwarten, löst mein Ansinnen eine Diskussion aus und der Typ hinterm Schreibtisch erklärt mir, dass Mauretanien auf dem Carnet nicht aufgeführt ist und er dieses folglich auch nicht ausfüllen kann. Mein Hinweis, dass genau so ein Carnet noch im Februar von seinen Kollegen akzeptiert und ausgefüllt wurde, trifft auf taube Ohren und schlussendlich gebe ich mich geschlagen. Dann fülle ich eben sein Passavant aus und gut is! Ja denkste! Nun will doch dieser Mensch tatsächlich 10,00 € von mir, da er ansonsten nur eine Fahrgenehmigung für 7 Tage ausstellt und wir diese in Nouakchott auf 30 Tage verlängern lassen müssen. Jetzt habe ich aber endgültig die Faxen dicke von diesem Vogel, ich will sofort und auf der Stelle zum Chef! Bitterböse Blicke folgen, aber immerhin wird jemand abkommandiert, der mich zum Chef begleitet. Nach kurzer Wartezeit kann ich mein Anliegen vorbringen und fortan ist alles kein Problem mehr. Nix 10,00 € bezahlen, nix nur für 7 Tage, warum nicht gleich so?

Anscheinend hat sich mein Auftritt inzwischen herumgesprochen, denn fortan werden wir von niemandem mehr belästigt. Die Pässe werden gestempelt und da uns keiner nach einer Versicherung fragt, fragen wir auch nicht und nach 2.5 Stunden ist der ganze Grenzrummel absolviert.

Auf der Fahrt nach Nouadhibou holt uns die Dunkelheit ein und wir können uns direkt mal wieder an die Fahrkünste der Mauretanier gewöhnen. Im größten Gewühle bahnen wir uns den Weg zum Camp Abba. Hier ist es zwar sehr nett, aber es stinkt wie die Hölle, denn die Fischverarbeitungsindustrie läuft auf vollen Touren. So ist es nicht verwunderlich, dass wir am nächsten Morgen das Weite und unser Glück beim Camping de Levrier suchen. Doch hier treffen wir auf einen total abgezockten Besitzer. Der Schlawiner will zwar reichlich Geld kassieren, aber im Gegenzug nur Strom für 1 Stunde herausrücken. Ja dann eben nicht, wir fahren weiter in die Stadt zum Einkaufen. Im Gemüseladen bekommen wir eine Schüssel in die Hand gedrückt und wühlen uns anschließend durch diverse Säcke. Tomaten, Paprika, Kohl, Kartoffeln, Möhren, alles ab in die Schüssel und diese kommt dann komplett auf die Waage. Alles Einheitspreis, wie praktisch ist das denn?

Da wir nicht noch eine Nacht im Dunstkreis der Fischfabrik verbringen wollen, fahren wir einfach auf der Landzunge weiter und kommen so nach Cansado, einem Örtchen direkt an der Küste, in dem anscheinend die obere Bevölkerungsschicht zuhause ist. Dort am Leuchtturm finden wir unter den Augen der Marine ein sicheres Plätzchen für die Nacht und zum krönenden Abschluss fängt uns Jupp, quasi vor der Haustüre, noch gleich das Abendessen.
Leider findet die Nacht ein unschönes Ende, denn am Morgen bettelt uns einer der Marinemenschen so penetrant an, dass es selbst seinem Kollegen peinlich ist. Schade!
Wir nehmen die stinklangweilige Asphaltstraße zur Hauptstadt Nouakchott in Angriff. Diese Strecke ist wirklich das Ödeste, was wir seit langem gefahren sind. Da sind selbst die bettelnden Kinder schon ein Highlight. Bei einem Buschcamp direkt vor einer Düne, hören wir von Weitem einige Stimmen und sehen in der Ferne 2 Kinder laufen. Es dauert natürlich gar nicht lange, da liegen die beiden, ein Junge und ein Mädchen, auf der Düne, schauen in unsere Richtung, aber trauen sich anscheinend nicht näher heran. Einige Zeit später taucht ein älteres Mädchen auf, die ihr kleines Brüderchen auf wackligen Beinen an der Hand führt und nun setzt sich die ganze Gesellschaft in unsere Richtung in Bewegung. Als die ganze Gesellschaft bei uns angekommen ist, sagen alle ganz manierlich „bonjour“ und geben uns einer nach dem anderen die Hand. Einzig der etwa 11jährige Junge schämt sich dabei in Grund und Boden, sucht schleunigst Deckung in sicherer Entfernung und meidet jeglichen Blickkontakt. Da dieses „Guten Tag“ das ganze französische Repertoire der Mädels ist, gestaltet sich unsere Unterhaltung fortan etwas schwierig und wir üben uns mehr in der gegenseitigen Betrachtung. Den Kindern wird es dabei natürlich recht schnell langweilig und so treten sie den Rückzug an. Kaum sind sie mehr als 20 Meter entfernt, scheint auch der 11jährige Jungsporn seine Sprache wieder gefunden zu haben, denn nun schallt noch lange der Ruf „cadeau, cadeau“ (Geschenk, Geschenk) über die Dünen. Wir können uns ein Lachen nicht verkneifen, ist es nicht typisch? Ein wahrhaft tapferer Held!!

In Nouakchott quartieren wir uns, wie beim letzten Mal, in der Auberge Menata ein. Dieses ist zwar kein schöner Platz, aber immerhin mitten in der Stadt und somit sehr zentral gelegen. Kaum haben wir geparkt, kommt ein kleines, schrumpeliges Männlein auf uns zu und begrüßt uns mit den Worten: „Hallo, ich bin der Paul aus Wasserburg am Inn.“ Paul ist eine unglaubliche Erscheinung, siebzigjährig wirkt er irgendwie winzig, jedoch mit hellwachen, wasserblauen Augen, in denen der Schalk zu wohnen scheint. Zur Reise trägt er anscheinend seinen Sonntags-Ausgeh-Anzug zu oberst und alle anderen Besitztümer darunter. Dieses Unikum von Mensch ist mit dem Wohnmobil bis nach Algeciras in Spanien gefahren und hat sich dort spontan entschlossen, Marokko und Mauretanien zu besuchen. Seitdem ist er mit kleinem Gepäck in öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs, was sich zunehmend schwieriger gestaltet, da seine Kreditkarte in Mauretanien nicht arbeitet. Aber Paul ist guter Dinge, er wartet jetzt nur noch auf eine Geldüberweisung aus Deutschland und dann will er in den Senegal, obwohl ihm, wie er unter vorgehaltener Hand erklärt, die Schwarzen nicht ganz geheuer sind. Typen gibt’s!!!

Für uns geht es nach 2 Tagen bereits weiter, über die Route de l’Espoir, die Straße der Hoffnung fahren wir in Richtung Osten. Das Gelände rechts und links des Weges ist recht eintönig, lediglich die zahlreichen Tierkadaver sind sehr auffällig. Anscheinend sind die Hirten mehr mit dem Genuss von Tee beschäftigt als mit dem Hüten ihre Tiere und den vorbeirasenden Fahrzeugen. Die Orte, die wir durchfahren, machen auch eher einen hoffnungslosen Eindruck. Sie sind staubig, schmutzig und es stinkt erbärmlich nach Abfällen, alles in allem nicht besonders einladend.

Hinter Sangrafa verlassen wir diese Straße der Hoffnung und biegen nach Norden ab. Tidjikja und eine Fahrt durch das innerste Mauretanien ist unser Ziel. Fast alle Landkarten verzeichnen eine große Piste zwischen Atar und Tidjikja, die aber in dieser Form nicht zu existieren scheint. Im Vorfeld haben wir uns eingehend über diese sog. Piste informiert, in einigen Teilen scheint eine Art Straßenbau in Gang zu sein, in anderen soll es nur wenige Fahrspuren geben und wir wären sehr gerne mit einem Begleitfahrzeug gestartet. Leider ist weit und breit kein anderer Overlander in Sicht ist und da es uns zu langweilig erscheint nur auf dem Asphalt herumzufahren, nehmen wir die ca. 360 km lange Strecke alleine in Angriff. Der Einstieg in Tidjikja ist einfach, denn es gibt inzwischen eine geschobene Trasse, auf der man zwar nicht sehr flott, aber ohne Orientierungsschwierigkeiten gut vorankommt.

Leider ist diese Trasse beim kleinen Örtchen Rachid abrupt zu Ende und nachdem wir auf ganz schmalem Weg die steile Abfahrt durch den Ort geschafft haben, geht es in einem sandigen Qued weiter. Monster gibt alles, aber er gräbt sich trotzdem ein, denn bisher haben wir noch keine Luft aus den Reifen abgelassen. Während Jupp unter dem Auto herumkriecht um diesen Fehler zu berichtigen, kreuzt der Dorfsheriff auf.

Irgendwie zeigt dieser sich ganz und gar nicht begeistert, als wir ihm von unserem Plan nach Atar zu fahren, berichten. Diese Strecke sei mit einem Lkw nicht zu befahren, es sei alles sehr, sehr sandig, Dünen seien zu bezwingen und höchstens 1 x im Monat würde mal ein Fahrzeug diese Route befahren. Hm, wir sind ziemlich verunsichert. Sollen wir das ganze Unternehmen doch noch abbrechen? Wir überlegen hin und her, doch dann fragt dieser Sheriff doch plötzlich, ob Monster denn ein Allrad-Fahrzeug wäre. Ja, was denkt der denn? Dass wir hier mit Zweiradantrieb die Dünen hochfahren wollen? Ok, die Entscheidung ist gefallen, wir wollen uns zumindest die nächsten Kilometer noch anschauen und fahren los. Es bleibt weiterhin sehr sandig, aber mit reduziertem Reifendruck pflügt Monster ohne Probleme durch das Qued. Etliche Kilometer fahren wir in diesem Flussbett und lediglich die, von den Nomaden in den Sand gegrabenen Wasserlöcher stellen ein kleines Risiko dar, da man diese teils erst im letzten Moment erkennen kann. Die lustige Fahrt findet ein erstes Ende als wir an eine große Hangdüne kommen, die wir zwar nur hinunter müssen, aber die steile Abfahrt ist auch nicht ganz ohne. Zuerst haben wir leichte Orientierungsschwierigkeiten um einen möglichen Weg zu finden, doch dann kurven wir schön langsam und im ziemlichen Zickzack durch den roten Sand in Fallrichtung. Unten angekommen, sind unsere Nerven ziemlich gespannt, denn diese Düne wird Monster vermutlich nicht wieder hinaufklettern können! Da können wir nur hoffen, dass wir auf keine weiteren Hindernisse stoßen. Doch kaum gedacht, da wartet bereits das nächste in Form eines Steinplateaus. Kleine und große Felsplatten, darauf hoch stehende, spitzkantige Steine und dazwischen sandige Löcher lassen das Fahren mehr zu einer Art Schnitzeljagd werden. Immer wieder muss ich vorauslaufen um einen möglichen Weg für Monster zu finden und liege so manches Mal auf den Knien um zu schauen, ob noch ein Hauch Luft zwischen Differential und Felsen ist. Wie aufregend die ganze Aktion ist, sieht man daran, dass wir mal wieder völlig vergessen, ein Foto zu machen. Nachdem wir den nächsten Hügelkamm bezwungen haben, verläuft die Piste zunächst am Dünenrand entlang, doch dann wird es unübersichtlich.

Ein wildes Dünengekurve beginnt, es sind nur noch wenige alte Spuren vorhanden und dann hören auch diese plötzlich auf. Wir stehen vor zahlreichen Dünen und sehen nicht, wo es weitergehen könnte. Das GPS weist uns den Weg mitten über diese Dünen, aber soll das so richtig sein? Was ist, wenn wir die ersten Dünen noch überwinden und es dann weder vor noch zurück schaffen? Seit Stunden haben wir keine Menschenseele mehr gesehen und da es keine Spuren gibt, fährt hier vermutlich auch nie einer. In einem Reiseführer haben wir gelesen, dass es eine Art West-Umfahrung dieser Passage geben soll und so entschließen wir uns, diese zu suchen. Wir fahren ein Stückchen zurück und biegen nach Westen ab. Auch hier stehen wir nun vor einigen Dünen, aber immerhin meinen wir eine Spur erkennen zu können. Während wir noch so dastehen und die vermeintliche Reifenspur betrachten, nähert sich plötzlich ein Pick-up mit 2 Insassen. Die Jungs steigen aus und fragen, wohin wir denn wohl wollen? „Jooo, wohin wollen wir? Eigentlich nach Atar“ lautet unsere Antwort, wofür wir einen bedenklichen Gesichtsausdruck ernten. Die beiden machen uns sehr drastisch klar, falls wir in die eingeschlagene Richtung weiterfahren, kommen wir überhaupt nirgendwo an, denn vor uns liegt nur noch der Sand der Sahara. Upps, da scheint ja unser Schutzengelchen putzmunter auf uns aufgepasst zu haben und hat uns im entscheidenden Moment quasi einen Retter geschickt!!!

Nachdem wir den Schock überwunden haben, ist alles furchtbar einfach. Die beiden „Retter“ sind von einer Straßenbaufirma, die auf der anderen Seite des Dünenfeldes mit dem Bau einer Straße beschäftigt sind. Wir brauchen also nur noch ihrer frischen Spur über die Dünen hinweg zu folgen. Auf diesem Stück fahren wir uns zwar nochmals kurz fest, aber mit dem Wissen, dass hier doch noch Menschen unterwegs sind, kann uns nichts mehr erschüttern. Monster befreit sich dann auch gänzlich alleine aus dem Sand und nach einer weiteren halben Stunde Dünengekurve, glauben wir an eine Fata Morgana.

Unglaublich, aber wahr! Vor uns liegt eine frisch geschobene Trasse mitten durch ein riesiges Dünenfeld.