Marokko 1: November 2013

1. kommt es anders und 2. als man denkt. Hatten wir im Frühjahr noch geplant, mal ein ganzes Jahr zuhause zu bleiben, um dann im Frühjahr 2014 nach Russland und in die Mongolei zu fahren, so werfen wir diese Pläne im Laufe des Sommers über den Haufen. Ob es an der, doch recht anstrengenden Reise durch Westafrika oder am langen Heimaturlaub liegt, ist fraglich, aber „einfach“ nur nach Marokko und Mauretanien zu gehen, reizt uns doch gewaltig. Und so kommt es, wie es jetzt gekommen ist. Bei strahlendem Sonnenschein und 21° C starten wir gen Afrika und es fängt gleich mal gut an. Technisch mit Smartphone, Navi und GPS voll aufgerüstet, daddel ich gedankenverloren auf meinen neuen Hightechgeräten herum und verschlafe bereits das 1. Autobahnkreuz. Ein Umweg von 36 Kilometern und eine gehörige Standpauke sind die Folge, upps…mit Karte auf dem Schoss wäre das wohl nicht passiert.

Nach einer total verregneten Nacht in Luxemburg geht es quer durch Frankreich, wobei auch hier viele Wiesen unter Wasser stehen und alle Flüsse über die Ufer getreten sind. In Auxerre fällt der schöne Stellplatz direkt am Ufer des Yonne leider gerade den Baggern anheim und so heißt es suchen. Auf einem großen Schotterplatz am Rande der Stadt befindet sich ein temporäres Zigeunercamp, da passen wir doch eigentlich recht gut dazu, oder? Wir überlegen nicht lange und fragen die Jungs einfach mal.

So freundlich sind wir aber schon lange nicht mehr begrüßt worden! Alles ist überhaupt kein Problem, wir werden sogar gefragt, ob wir auch Strom und Wasseranschluss haben möchten und verbringen am Ende eine absolut ruhige Nacht, so sicher wie in Abrahams Schoss.

Wir schlängeln uns, ohne eine Mautstraße zu befahren, immer weiter Richtung spanische Grenze und wundern uns unterwegs über die vielen Wohnmobile, die wir auf den verschiedenen kostenlosen Stellplätzen antreffen. Sei es in Oradour sur Glane oder in Capbreton am Atlantik, überall tummeln sich jetzt bereits die Überwinterer und wir werden den einen oder anderen sicherlich in Marokko wieder treffen.

Das schlechte Wetter treibt uns auf direktem Weg an die Küste nach Algeciras und auch dort ist es nicht so besonders warm. Wir fahren also zum allseits bekannten Tickethändler Carlos, direkt am Lidl Supermarkt, um uns zunächst ein bisschen schlau zu machen. Dort erkundigen wir uns nach den verschiedenen Preisen und ehe wir uns versehen, haben wir eine Fährüberfahrt für den nächsten Tag gebucht. Das ging ja mal alles im Eilverfahren!

Jetzt aber noch schnell zum Lidl unsere Vorräte aufstocken, denn in Marokko ist ja bekanntlich alles deutlich teurer, jedenfalls was die alkoholische Seite betrifft.
Nach einer doch sehr unruhigen Nacht, es macht teilweise den Eindruck, als ob wir mitten auf der Autobahn schlafen würden, brechen wir zum Hafen auf und werden dort zügig in den Bauch einer Fähre verfrachtet. Wie wir gehört haben, sollen die Zollformalitäten bereits an Bord erledigt werden und den dazugehörigen Schalter sehen wir auch. Nur leider keinen zuständigen Beamten dazu.

Da wir die meiste Zeit der 1½ stündigen Überfahrt an Deck verbringen, gehen wir immer mal wieder zu diesem Schalter um Ausschau nach dem Zöllner zu halten, aber dort tut sich nix. Wir genießen also weiterhin draußen die Sonne und schauen ganz vergnügt dem Anlegemanöver zu bevor wir zu Monster zurückkehren und von der Fähre fahren. Kaum auf marokkanischem Boden, werden unsere Pässe kontrolliert, in denen sich natürlich kein Einreisestempel befindet. Hm, so geht es ja nicht, sagt der Gesichtsausdruck des Zöllners … wir müssen Monster auf dem Quai parken und postwendend auf die Fähre zurückkehren. Das war ja ein kurzes Vergnügen und jetzt? Die wollen uns doch wohl nicht etwa wieder mit zurücknehmen? Und unser armes Schätzchen? Allein in einem fremden Land? Mir wird ganz mulmig, aber gottlob erklärt uns eine sehr nette Dame der Fährgesellschaft, dass der Zollbeamte bereits telefonisch informiert sei und gleich zurückkehren würde. Das „Gleich“ entwickelt sich dann zu einer Stunde und erst kurz vor dem Ablegen der Fähre erscheint der Beamte. Dieser hat sich sicherlich gedacht, dass solche Dööspaddel wie wir es nicht besser verdient haben und ruhig ein bisschen zappeln können. Und Recht hat er!!! Wie doof kann man eigentlich sein?

Sehr peinlich berührt, geben wir uns bei den nächsten Kontrollposten betont kleinlaut und können ohne weitere Komplikationen endgültig einreisen. Wir steuern den kleinen Campingplatz in Martil am Mittelmeer an, den wir bereits von unserer Abreise im April kennen. Dort stehen mal wieder zahlreiche andere Camper und auch einige Deutsche. Am nächsten Morgen stapft eine „ältere“ Dame von ca. 65 Jahren im Bademantel und Handtuch um den Kopf um Monster herum und fragt Jupp: „ Was seid Ihr denn für Warmduscher, dass Ihr mit so einem Auto herumfahrt?“ Selten habe ich Jupp so sprachlos gesehen, es dauert eine ganze Weile bis er nach näheren Details fragen kann. Es stellt sich heraus, dass der Vater der Dame früher bei der Flugsicherung in Nouakchott/Mauretanien gearbeitet hat und sie schon vor Jahren mit einem 2CV durch die Sahara gedüst ist. Daher also die Warmduscher!

Ockerfarben oder rosarot sind die meisten alten Städte Marokkos, nur wenige weichen davon ab und eine davon ist Chefchaouen im Rifgebirge, unser nächstes Ziel. Diese ist nämlich überwiegend blau.

Das Blau, so sagen die Einheimischen, helfe gegen den bösen Blick, der Unheil über eine Person bringen kann. Na dann sind wir hier ja genau richtig. Wir bummeln durch die steilen Gassen der Medina, in der in teils winzigen Geschäften jedes nur erdenkbare orientalische Gewürz, Stoffe oder selbstgefertigter Schmuck angeboten wird. Die Läden sind oftmals so klein, dass noch nicht einmal mehr der Verkäufer hineinpasst und dieser somit vor der Türe sitzen muss.

Der Campingplatz liegt hoch oben über der Stadt und kann zu Fuß über zahlreiche Stufen erreicht werden. Auch hier sammeln sich langsam die Überwinterer und am Abend können wir so manches seltsame Gebaren beobachten. Da der Platz an einer Steilkante liegt, genießt man von dieser natürlich eine herrliche Aussicht und diese scheint heiß begehrt. Obwohl noch reichlich Platz vorhanden ist, zwängt sich ein französisches Wohnmobil derart zwischen 2 andere Fahrzeuge, dass nun keiner mehr seine Türe öffnen kann. So wirklich verstehen muss das nicht, oder?

Es treibt uns weiter in Richtung Süden, kurz hinter dem Städtchen Azrou geht es zum Circuit Touristique des Cedres ab. Hier haben Händler am Straßenrand kleine Verkaufbuden aufgebaut, in denen sie Mineralien und Versteinerungen anbieten. Nicht nur Menschen werden hiervon angelockt, nein, auch zahlreiche Bergpaviane, die in den Zederwäldern zuhause sind. Angesichts der nächtlichen Temperaturen und der weiteren Wetteraussichten, halten wir uns hier nicht lange auf und ändern auch noch gleich unsere Reisepläne. Anstatt weiter im mittleren Atlas herumzukurven, düsen wir noch weiter südlich und halten erst an den blauen Quellen von Meski wieder an.

Hier nun ist es endlich ein bisschen wärmer und wir verbringen 2 gemütliche Tage bevor wir wieder in Richtung Berge aufbrechen. Bei der Weiterfahrt durch Er-Rachidia sehen wir am Straßenrand unverhofft einen zum Wohnmobil umgebauten Lkw auftauchen. Es ist die lila Pistenkuh von Sabine und Burkhard ( www.pistenkuh.de ), nur leider sind die zwei weit und breit nicht zu entdecken. Also parken wir Monster ebenfalls und machen uns auf die Suche nach den beiden. Lange währt die Suche nicht, denn bei jedem 2. Café teilen uns die davor sitzenden Männer mit, dass und wo die beiden im Internetcafé sind. Es bleibt mal wieder nichts verborgen. Na jedenfalls haben wir sie gefunden und nun trinken wir erst einmal einen leckeren Minztee zusammen. Im Gespräch wird schnell klar, dass es nicht beim Tee bleiben kann und so kehren wir genau dorthin zurück wo wir hergekommen sind, nämlich zu den blauen Quellen.

Abermals bleiben wir 2 Tage bevor es dieses Mal aber endgültig weitergeht. Durch die wunderschöne Canyonlandschaft der Rheris-Schlucht, vorbei an Imilchil und dem Lac Isli erreichen wir den Stausee Bin El Ouidane, an dem auch zahlreiche Marokkaner picknicken. U.a. holpert ein Kleinwagen der Größe Corsa den Weg hinunter und rumms, kaum nicht aufgepasst, rauscht das Auto vorne auf einen Felsbrocken. 2 Männer und 2 Frauen klettern heraus und begutachten die missliche Situation. Das linke Vorderrad und das recht Hinterrad hängen in der Luft. Hm, was nun? Es wird beratschlagt und anschließend klemmt sich der Unglücksfahrer wieder hinter das Lenkrad und gibt kräftig Gas. Der Motor heult auf, es staubt gewaltig, doch sonst geschieht nichts. Hm, abermals wird beratschlagt, woraufhin etliche Steine herbeigeschleppt und untergelegt werden. Der Fahrer steigt ein, der Motor heult auf, dieses Mal fliegen die Steine, doch abermals geschieht sonst nix. Ein weiterer Versuch mit abgerissenen Ästen und Zweigen misslingt ebenfalls, was zu einer längeren Beratung der Teilnehmer führt. Das Ergebnis? Die beiden Frauen müssen einsteigen und sich in die hintere rechte Ecke des Autos zwängen, damit nun wenigstens das Hinterrad nicht mehr in der Luft hängt. Leider haben die Herren dabei nicht bedacht, dass das Fahrzeug Vorderradantrieb hat. Es geschieht also folglich wieder nix. Jetzt können wir es nicht mehr mit ansehen und eilen, trotz Juppis angeschlagenem Rücken, zu Hilfe. Alle gemeinsam heben wir den Kleinwagen vorne kurz an und schon rollt dieser wie von selbst von dem Felsbrocken herunter. Allseits große Freude, die Marokkaner bedanken sich überschwänglich und doch wirft sich die Frage auf: Sollte der Europäer dem Nordafrikaner technisch überlegen sein?

Für die Weiterreise haben wir uns die Piste an der Cathédral des Roches vorbei bis ins Ait-Bougoumez Tal ausgeguckt, denn diese ist stark vom Wetter abhängig. Nach starken Regenfällen soll sie z.T. weggespült oder mit Geröll verschüttet sein und wenn es geschneit hat, brauchen wir an eine solche Fahrt überhaupt nicht zu denken. Es fängt bereits gut an, denn kurz nach dem Ort Ouaouizarth müssen wir eine Hängebrücke passieren, deren zulässiges Höchstgewicht laut Beschilderung 5 Tonnen beträgt. Und nun? Monster ist voll beladen und wiegt somit charmante 8,5 Tonnen! Nach eingehender Betrachtung der Brückenkonstruktion entschließen wir uns zur Überquerung. Wie zu lesen, geht alles gut, aber ein tolles Gefühl stellt sich nicht so recht ein, wenn man mit zusammengekniffenen Pobacken und klopfendem Herzen über eine tiefe Schlucht fährt. 

Weitere Eskapaden solcher Art bleiben uns gottlob erspart und auch ansonsten haben wir Glück, denn der Wettergott scheint uns wohl gesonnen und so genießen wir die Fahrt durch die grandiose Bergwelt aus vollen Zügen.

Monster erklimmt die Passhöhe Tizi-n-Illissi bevor er die steinige Piste ins Ait- Bougoumez Tal herunterholpert. In diesem grünen Tal scheint die Zeit stehen geblieben zu sein und das Leben noch wie vor hundert Jahren abzulaufen. Die Felder werden mit der Hacke bearbeitet, das Wasser muss aus dem Brunnen geholt werden und Haupttransportmittel ist der Esel. Die Lehmhäuser kleben am Hang und bieten nicht nur Schutz für Menschen, sondern auch für deren Schafe und Ziegen. Für uns ein unvorstellbarer Gedanke, allein schon geruchstechnisch.