Republik Kongo: Oktober 2012

Hatten wir uns kurz der Illusion hingegeben, dass nach der Grenze alles besser wird, so werden wir sogleich maßlos enttäuscht, denn es wird noch ein bisschen ärger.

Hier sind inzwischen große Teile des letzten Regen und somit Schlamms abgetrocknet, folglich ist die Piste knüppelhart und von tiefen Furchen durchzogen. Aber auch das werden wir wohl noch hinter uns bringen müssen und so ruckeln wir die letzten Kilometer bis auch auf dieser Seite der Grenze endlich ein Schlagbaum auftaucht.

Wir stoppen, doch leider ist kein Mensch weit und breit zu sehen. Vor einem kleinen Häuschen (soll das evt. der Zoll sein???) steht ein Moped, also sollte auch wohl irgendwo der dazugehörige Mensch sein. Lautes Rufen bringt Erfolg, jedenfalls hören wir aus dem Innern des Hauses menschliche Laute und kaum 5 Minuten später schluffen zwei verschlafene Typen heran.
Die beiden machen einen recht überforderten Eindruck, wenden dann auch unser Carnet und die Pässe von rechts nach links und setzen sich erst einmal hin. Ist ja auch völlig ungesund, so überstürzt aus dem Bett zu springen…

Es dauert und dauert, irgendwie scheinen sie unsere Papiere auswendig zu lernen jedenfalls bis dem Einen plötzlich ein englisches Wort einfällt: „Copy!“ Ist ja schön, aber wovon? Wir vermuten, es könnte sich um Passkopien handeln, die hier an der Westküste Afrikas allgemein sehr beliebt sind und auch dieser Zöllner (??) scheint nun zufrieden. Weiterhin dauert und dauert es und womöglich säßen wir heute noch dort, wären nicht plötzlich 2 weitere Männer auf einem Moped aufgetaucht. Diese können zumindest mal sprechen, welche Sprache es auch immer sein mag, aber immerhin öffnet sich nun auf wundersame Weise der Schlagbaum und wir sollen weiterfahren. Vermutlich nach Boko oder so ähnlich hat es sich zumindest angehört.

Unterwegs dorthin beschließen wir nicht mehr bis dort zu fahren, sondern parken ganz einfach an einer Ausbuchtung rechts des Weges, denn bis auf die Zöllner haben wir heute den ganzen Tag niemanden gesehen. Da wird nachts vermutlich erst recht kein Verkehr aufkommen.

Wir kochen also ganz gemütlich unser Abendessen, trinken ein Bierchen dazu und machen uns gerade Gedanken über’s Zubettgehen, da kommt von rechts ein Auto, von links ein Moped und von vorne zwei Typen mit Gewehren. Huch, kreisen die uns etwa ein?
Es macht tatsächlich den Eindruck und mein Herz wandert einige Etagen tiefer. Das Auto kommt näher, stoppt und da erst gibt sich der Fahrer als Polizist zu erkennen, der natürlich wissen will, was wir hier machen. Ich erkläre ihm, dass wir hier schlafen wollen, was er als eindeutig zu gefährlich bezeichnet. „Wieso denn gefährlich? Hier ist doch kein Mensch!“ Oh doch, hier sei Rebellengebiet und man könne nie wissen, wir sollen unbedingt bis Boko weiterfahren. Wir bleiben hart, beharren auf unserem Standort und die ganze Truppe zieht wieder ihrer Wege. Hmm, gefährlich? Was ist denn nun gefährlicher? Im Dunkeln zu fahren oder dieser Übernachtungsplatz?

Bevor wir am Ende kein Auge zu machen, fahren wir doch noch bis Boko und zu einem weiteren Schlagbaum. Obwohl es inzwischen 21.30 Uhr ist, findet sich ein Zöllner ein und trotz unseres Versprechens direkt vor seiner Haustüre zu übernachten, beharrt dieser darauf, unser Carnet heute noch zu bearbeiten. Ok, das dann also auch noch, aber deutlich ruhiger kommen wir schlussendlich zur Nachtruhe.

Am Sonntagmorgen wartet bereits ein weiterer Zöllner auf uns, der aber nur erklärt, dass der Chef der Immigration in Brazzaville sei und wir somit bis zum nächsten Ort, immerhin bereits 70 km hinter der eigentlichen Grenze, nach Louingui müssen.

Unterwegs kommt uns der Zöllner vom Vorabend entgegen und springt kurzerhand in Monster um uns dorthin zu begleiten. Auch das Stempeln der Pässe ist kein Problem, die übliche Frage nach Geld oder Geschenken, weiß ich inzwischen gut abzuwehren, alleine der ganze Prozess ist etwas langwierig, da jedes Mal alle Personalien in verschiedene Bücher eingetragen werden müssen.

Frohen Mutes nehmen wir die letzten 120 km bis nach Brazzaville in Angriff und erfreuen uns einer, zwar schmalen, aber dennoch Teerstraße. Oh, ist das schön!!! Die Freude wird etwas durch die zahlreichen Polizeikontrollen getrübt, jeder, aber wirklich auch jeder Polizist, der uns sieht, hält uns an. Alles in allem vermutlich 100 Mal, aber außer den üblichen Fragen will niemand etwas von uns.

Kurz vor Brazzaville kommen wir tatsächlich an eine Mautstelle, nur leider haben wir nicht einen Cent bzw. Centralafrikanischen Franc. Diskussion, Diskussion, jeder muss bezahlen usw und so fort, aber wir haben nun mal kein hiesiges Geld. Schließlich einigen wir uns auf eine Zahlung in kongolesischen Franc, denn die Hauptstädte der beiden Kongos liegen sich bekanntermaßen direkt gegenüber und die Menschen fahren täglich mit der Fähre hin und her.

Allen Widrigkeiten zum Trotz erreichen wir das Hotel und Restaurant Hippocampe, das von einem Franzosen, ehemaliger Weltreisender, mit seiner vietnamesischen Frau geführt wird. Olivier lässt auf seinem Grundstück alle Overlander kostenlos parken, erwartet aber im Gegenzug, dass man ab und an in seinem Restaurant zu Abend isst. Das fällt uns nun überhaupt nicht schwer, denn die vietnamesische Küche ist uns eine der liebsten.

Montagmorgen pilgern wir ganz gemütlich zur Botschaft von Gabun, unserem nächsten Etappenziel. Die Menschen dort begrüßen uns überaus freundlich und wir erklären unser Ansinnen. Ok, sagt die nette Dame am Empfang, dann brauche sie unsere Pässe, von jedem 2 Passfotos, 45.000 CFA = ca. 90$ US pro Person und wir sollen am Nachmittag um 14.30 Uhr wiederkommen. Wie jetzt? Kein Antrag muss gestellt werden? Wir denken, wer doofe Fragen stellt, bekommt auch doofe Antworten und trollen folglich unserer Wege. Wir können es immer noch kaum glauben, aber am Nachmittag liegen unsere Pässe mit eingestempelten Visa fertig. Das nennen wir mal unbürokratisch.

Insgesamt verbringen wir fast 1 Woche im Hippocamp und erfreuen uns der Gesellschaft von Jean-Louis. Er ist Franzose, hat einige Jahre in München und New York gelebt und will nun mit seinem Ural-Gespann Afrika umrunden (www.labarraqa.com). Leider ist er seit einiger Zeit hier in Brazza gestrandet, denn zum Einen benötigt er dringend einige Ersatzteile für sein Motorrad und zum anderen musste sein Visum für die demokratische Republik Kongo aus den USA kommen. Wir wünschen ihm auf diesem Wege nochmals viel Glück und sagen „Danke schön“ für die tolle Zeit, vielleicht sehen wir uns irgendwo, irgendwann auf dieser kleinen Welt wieder.

Die Ausfahrt aus Brazza gestaltet sich genauso nervenaufreibend wie die Einfahrt. Überall Polizisten, die unsere Papiere kontrollieren wollen und der chaotische Verkehr führen dazu, dass wir fast 2 Stunden benötigen um die Stadt zu verlassen, aber dann geht es auf guter Teerstraße zügig voran. Die Nacht verbringen wir in der Nähe eines kleinen Dorfes in einer Steingrube. Wie fast überall in Afrika bleibt unser Standort nicht lange unbemerkt und so taucht nach kurzer Zeit die örtliche Dorfjugend auf. Die sieben, halbwüchsigen Jungs bauen sich etwas verlegen vor Monster auf und beobachten sehr genau unser Treiben. Anscheinend sind wir zu ihrem Samstagabend Kinoprogramm avanciert, denn sie machen keinerlei Anstalten uns wieder zu verlassen obwohl die Unterhaltung mehr als mühsam ist. Einer der Jungs behauptet zwar, er spräche englisch, aber verstehen tut er sichtlich kein Wort und da wir im Gegenzug erzählt haben, wir sprächen kein französisch, beschränkt sich das Gespräch auf Gestik. Wir sind nicht unfroh, dass es dunkel wird und die glorreichen Sieben uns verlassen.

Die Nacht ist absolut ruhig, doch als es am Morgen kaum zu dämmern beginnt, stehen die Sieben, verstärkt durch die restliche Dorfjugend, wieder vor unseren Fenstern. Ok, dann geben wir auch noch das Frühstücksfernsehen, führen beim Herausfahren aus der Grube Monsters Fahrkünste vor und suchen recht flott das Weite.

Wir durchqueren den Ort Oyo und wissen nicht, was wir sehen. Ein funkelnagelneuer Flughafen und ein riesiges Hotel fallen als erstes ins Auge, aber dann folgt ein Prachtbau dem nächsten und wir fahren über überdimensionale Alleen. Was geht hier denn ab? Wurden wir versehentlich weg gebeamt? Das kann doch nicht mehr Kongo sein! Doch es ist, und zwar der Geburtsort des aktuellen Präsidenten. Dieser hat sich tatsächlich ein Denkmal in Form einer Ortschaft gebaut. Einfach unfassbar!

Die Asphaltstraße begleitet uns bis Okoyo und dann geht es auf extrem sandiger Piste weiter Richtung Grenze.

Irgendwo in einem kleinen Kaff namens Leketi taucht rechts ein kleines Schildchen auf, das auf den Zoll hinweist. Es dauert auch gar nicht soo lange bis unser Auftauchen registriert wird und wir werden zum Abstempeln des Carnets gebeten. Keine Fragen nach Geld oder Geschenken, alles läuft völlig korrekt ab und als Zöllner kann man sogar fragen, ob man mal einen Blick in Monsters Innerstes werfen darf. Man darf, selbstverständlich nur durch die hochgeklappte Leiter und kaum 5 Minuten später rollen wir bereits weiter.

Es folgt die Immigration in Mbie, einem noch kleineren Kaff. Dort stehen wir vor einem Schlagbaum samt Nagelbrett und haben keinen blassen Schimmer wo wir denn wohl hin sollen. Erst lautes Rufen der Zöllner weist uns auf ein Gebäude hin, an dem wir ganz locker vorbei gesaust sind. Der Beamte und ich mögen uns auf Anhieb nicht leiden, langsam habe ich aber auch die Faxen dicke von diesen stinkenden, mit Mäusekot übersäten „Büros“ und deren ebenso schmierigen Bewohnern.

Ich sitze auf einem schmutzigen, wackeligen Stuhl, die Mäuse tanzen über meinem Kopf auf der Decke herum und dieser Fiesling fragt mich nach einem Geschenk. Ja bin ich denn der Weihnachtsmann? Wenn du lieb bist, kannst du ein Lächeln geschenkt haben! Ok, ich gebe es zu, nicht gerade der passende Moment für so einen Ausbruch und dementsprechend bleibt die Atmosphäre etwas angespannt. Wir zanken uns noch eine Weile darüber, dass Stinki unsere Gelbfieberimpfung sehen will, ihn diese aber bei Ausreise nun überhaupt nichts mehr angeht und schließlich wird es ihm zu bunt. Recht grantig verlässt er sein Büro und mir wird etwas mulmig. Gottlob, er lässt mich nicht so lange schwitzen, schickt seinen Kollegen herein und pumpt mich zum Abschied noch um Benzin an. Bei meiner Antwort, dass wir nur Diesel haben, kann ich mir das Grinsen kaum verkneifen. Sein Kollege erledigt deutlich freundlicher die restlichen Arbeiten, stempelt die Pässe und entfernt das Nagelbrett von der Straße. Geht doch!

Es ist sandig, geht bergauf, bergab, an manchen Stellen matschig, Offroad vom Feinsten und obwohl Monster es einfach fabelhaft meistert sind wir froh direkt auf gabunischem Boden wieder Asphalt unter den Rädern zu haben.