Nigeria: November 2012

Nigeria – ein Land der Vorurteile, Überraschungen und Gegensätze? “Die Angst vor der Gefahr ist schlimmer als die Gefahr selbst”, hat irgendwann einmal ein sicherlich intelligenter Mensch gesagt und wer weiß, vielleicht hat genau dieser ebenfalls “Brings hinter dich!” gerufen und getreu nach diesem Motto gehen wir es an.

An der Grenze verläuft alles tierisch langsam, aber äußerst korrekt und zu unserem Erstaunen bekommen wir einen Einreisestempel für 3 Monate Aufenthalt. Niemand fragt nach Geschenken oder gar nach Geld, völlig problemlos reisen wir ein und sehen winkende, extrem freundliche Leute und sogar nette Polizisten in der Nähe der Grenze.

Für die Nacht finden wir kurz vor Ikom ein Plätzchen an einer verlassenen Tankstelle. Wie wir am nächsten Tag feststellen, gibt es Tankstellen wie Sand am Meer im Ölland Nigeria und es werden überall noch neue gebaut. Wir wundern uns, denn parallel dazu verfallen viele Tankstellen, weil sie einfach nicht mehr gepflegt oder bewirtschaftet werden. Was uns allerdings noch mehr verwundert ist, dass es an den meisten weder Diesel noch Benzin und auch sonst nichts zu kaufen gibt. Was soll das? Die Erklärung ist ganz einfach, denn der Treibstoff wird in die Nachbarländer geschmuggelt. Um nun an diese Schmuggelware zu kommen, braucht man eine Konzession, die man natürlich nur bekommt, wenn man auch eine Tankstelle betreibt. Also baut man eine Tankstation, erhält dann auch Diesel oder Benzin von der Raffinerie und lässt dann den Tankwagen mit den 40.000 Litern gleich ins Nachbarland fahren. Gar nicht dumm, gell?

In Ikom, der 1. größeren Stadt nach der Grenze können wir zum Einen Geld aus der Wand ziehen und zum Anderen ruft der Sicherheitschef der Bank noch gleich einen Geldwechsler an, der auch prompt erscheint. Mit einigen Naira ( 1 $ = 150 Naira) in unseren Taschen können wir sogleich das nächste Problem angehen, wie üblich brauchen wir eine Versicherung für Monster. Auch hier kann uns der Geldwechsler behilflich sein und nimmt uns mit zum Chef der Roadsafety, also einem Straßensicherheitsinspektor. Der kennt einen, der einen kennt und dessen Bruder verkauft uns dann eine Versicherung, die auch für die Länder Ghana und Gambia gültig ist. Tja, eigentlich sind wir nun gerüstet und können die Fahrt in Richtung Abuja zügig aufnehmen, wenn da nicht die zahlreichen Polizeikontrollen wären.

Alle Naselang werden wir von einem der verschiedenen Ordnungskräfte gestoppt. Sei es die Polizei, die Roadsafety oder die sogenannten „Stickerboys“, die vor allem an den Provinz- und Stadtgrenzen Nagelbretter auf die Straße legen und Durchfahrtsgebühren erheben. Bis auf eine Ausnahme sind die Kontrollen jedoch freundlich und korrekt, meistens werden wir einfach durch gewunken. Aber Ausnahmen bestätigen die Regel, obwohl es in diesem Falle unsere Mitreisenden Chantel und Ton deutlich härter trifft. Die beiden werden an einem Kontrollposten gestoppt und da wir dahinter im Weg stehen, entfernt man das Nagelbrett und lässt uns daran vorbei rollen. Anschließend wird unser Feuerlöscher kontrolliert, woraufhin weiß der Geier, und wir können weiterfahren. Was nun passiert, hören wir erst später aus Erzählungen. Der oberste Boss sieht uns abfahren und schreit seinen Untertanen an, er solle uns sofort stoppen, was wir aber natürlich nicht mehr hören. Wir stoppen erst hinter einer Kurve und warten auf Chantel und Ton. Es dauert und dauert, keine Spur von den beiden, woraufhin ich mich zu Fuß auf den Weg mache um evt. Hilfe zu leisten. Kaum sehen die beiden mich jedoch, scheuchen sie mich wieder weg und ich fackele auch nicht lange und trete den Rückzug an. Leider etwas zu spät, denn auch die Polizisten haben mich gesehen und wissen nun, dass wir noch in der Nähe sind. Zwei der Truppe schwingen sich auf ein Moped, nehmen meine Verfolgung auf und erspähen folglich auch Monster. Als ich endlich auch dort eintreffe, hat Jupp sich im Auto verbarrikadiert und schreit die Polizisten an, die ihrerseits zurück schreien. Was sie eigentlich wollen, bleibt unklar, aber das Ganze findet seinen Höhepunkt darin, dass einer mich nicht mehr einsteigen lassen will und am Arm festhält. Das kann ich ja leiden! Wutentbrannt zische ich den Polizisten an: „Don’t touch me! We work for the german government and report any corruption, tell me your name”! Gleichzeitig wedelt Jupp dem anderen mit unserer neuesten Kreation, einer netten Visitenkarte in den Farben der deutschen Flagge und einem Bild von Professor Doktor J.G.P. Mertens, unter der Nase herum. Die Wirkung hättet ihr sehen sollen, schwuppdiwupp schwingen die zwei sich auf ihr Moped und geben Fersengeld, was wir im Übrigen auch tun nachdem wir das Zittern unserer Hände wieder unter Kontrolle haben. Erst in sicherem Abstand halten wir an und warten auf Chantel und Ton, die auch irgendwie davon gekommen sind.

Am nächsten Morgen kommen wir durch ein Dorf, in dem etliche Häuser abgebrannt sind, wobei aus einigen sogar noch Rauch emporsteigt. Was ist hier denn los? So richtig können wir uns keinen Reim darauf machen, aber als wir kurze Zeit später eine riesige Menschenmenge erblicken, die anscheinend eine Moschee abbricht, scheint die Erklärung nahe liegend. Wahrscheinlich sind wieder einmal Christen und Moslems aneinander geraten und wir sind froh, nicht gestern hier entlang gekommen zu sein.

Eigentlich wollten wir gar nicht nach Abuja, weil es nicht so richtig auf dem Weg liegt, aber wir sind mal wieder in Sachen Visa unterwegs. Bereits 30 Kilometer bevor die Stadt beginnt, beginnt auch das Chaos. Bilder aus Indien erscheinen vor unserem geistigen Auge, wir haben das Gefühl mitten über den Straßenmarkt zu fahren, nur leider fährt man hier nicht so langsam, sondern laut hupend und recht aggressiv. Wir sind heil froh, als wir eine Art Stadtautobahn erreichen und fortan ist auch die Orientierung relativ einfach, denn die Stadt wurde sozusagen am Zeichenbrett entworfen.

Wir quartieren uns im Sheraton Hotel ein bzw. würden es gerne, aber irgendein Sicherheits-Döspaddel hat den Schlüssel zum Garten verschludert. Nach geschlagenen 2 Stunden der erfolglosen Suche kommt man auf die glorreiche Idee, das alte Schloss zu knacken und anschließend ein neues anzubringen. Könnt ihr euch das Gesicht des obersten Sicherheitschefs vorstellen, als Jupp mit einem Montiereisen mal eben den Panzerknacker spielt? Irgendwie entgleisen dem Guten die Gesichtszüge, so einfach hatte er sich das wohl doch nicht vorgestellt. Nun denn, wir sind erst einmal drin und müssen uns mit ca. 35 Hunden anfreunden, die für die nächsten Tage unsere Nachbarn sind.

Montagmorgen schwingen wir uns in ein Taxi und lassen uns zur vermeintlichen Adresse der Botschaft von Togo chauffieren. In dem angesteuerten Viertel sind jede Menge Botschaften, doch trotz intensiver Suche können wir Togo nicht finden. Mal wieder mit viel Glück befragen wir aber genau den Passanten, der zu wissen scheint, dass die Botschaft und vor allem wohin, umgezogen ist.

Also wieder quer durch die Stadt, um tausend Ecken, tatsächlich ist die Botschaft nun an der angegebenen Stelle, aber dennoch wird es heute nix mit Visum. Wir müssen nämlich zuvor bei einer Bank die Visagebühren einzahlen und natürlich ist diese Bank mitten in der Stadt. Also wieder quer durch die Stadt, um tausend Ecken, Geld einzahlen, auf zur Botschaft von Ghana, wieder quer durch die Stadt, um tausend Ecken usw. usw.

In der Botschaft von Ghana sind wir recht zügig fertig, nur leider ohne Visum, denn man erklärt uns, dass wir dieses in unserem Heimatland beantragen müssen. Alternativ könnten wir es auch in Benin oder Togo mal versuchen. Tolle Arbeitsmoral! Also auf zur Botschaft von Burkina Faso, dieses Mal nicht quer durch die Stadt, sondern gleich per pedes um drei Ecken. Hier werden wir super freundlich begrüßt, die Anträge können wir sogleich ausfüllen und abgeben und wir dürfen unsere Pässe am nächsten Morgen um 9.00 Uhr abholen. So geht es auch!

Morgens geht das Visa-shopping weiter, zunächst Pässe bei Burkina abholen und dann direkt zur Togo Botschaft. Dort treffen wir auf den Botschafter persönlich und bevor wir anderen dieses überhaupt bemerken, hat Jupp mal wieder die Gunst der Stunde erkannt. Er verwickelt den netten Menschen in ein Gespräch und fragt dann mal so ganz beiläufig, ob die Visa nicht sogleich noch ausgestellt werden könnten, dann müssten wir nicht morgen extra wieder mit dem Taxi durch die ganze Stadt. Es klappt tatsächlich, bereits nach 30 Minuten können wir mit eingestempelten Visum zurück ins Sheraton.

Die Straßen in Nigeria haben uns von Anfang an enttäuscht und so ist es nicht verwunderlich, dass auch die Straße über Kaiama in Richtung Republik Benin die Bezeichnung Teerstraße kaum noch verdient.

Eines jedoch fällt auch hier wieder auf: die enorme Bevölkerungsdichte. Fast wirkt das Ganze etwas erdrückend, denn bevor man ihnen zuwinkt, schauen die Nigerianer immer recht grimmig drein. Dann jedoch hellt sich das Gesicht in Sekundenschnelle auf, ein riesiges weißes Gebiss kommt zum Vorschein und die Leute winken, rufen, lachen und manchmal tanzen sie selbst. Ebenfalls dazu gehört, wie die Straßenverkäufer auf sich und ihre Waren aufmerksam machen. Eine merkwürdige Anzahl von Saug-, Knutsch- oder Zischlauten, die sich in etwa anhören wie ein lang gezogenes „Sssst“.

Die letzten 100 Kilometer bis zur Grenze entpuppen sich als schlechteste Piste ever. In der Regenzeit völlig unbefahrbar, besteht sie nun aus Löchern, Gräben und Sandstücken und wir benötigen 2 Tage um sie zu bewältigen. Wir erreichen einen völlig unproblematischen Grenzübergang und obwohl wir von Kriminalität im Land überhaupt nichts bemerkt haben, sind wir doch irgendwie erleichtert Benin zu erreichen.