Mauretanien: Februar 2013

„Ihr fahrt nach Mauretanien? Ihr seid aber mutig. Habt ihr denn nichts von den ganzen Entführungen in Mauretanien gehört?“, solche Worte vernahmen wir immer wieder von Freunden und anderen Reisenden. Erstaunlich ist, dass fast alle Personen, die uns „Auskünfte“ über Mauretanien gegeben haben, ihr Wissen nicht persönlich erfahren, sondern nur von jemandem gehört haben, der einen kennt, der dort war. Richtig ist, dass das auswärtige Amt vor „nicht unbedingt notwendigen Reisen nach Mauretanien“ abrät. Auseinandersetzungen zwischen dem Militär und Al Quaida scheinen an der Tagesordnung. Touristen wurden verschleppt, wie zuletzt Ende 2009 Italiener und Spanier. Aber was sollen wir denn machen? Wir haben wenige Wahlmöglichkeiten wollen wir über Land nach Hause und wenn wir auf das auswärtige Amt hören, trauen wir uns noch nicht einmal in Deutschland vor die Türe. Also, aufi geht’s!

Auf der anderen Seite des Damms in Diama stehen bereits 4 Fahrzeuge einer Rallye in Reih und Glied vor dem Zoll und die Insassen haben sich alle bei der Polizei eingefunden. Ich stelle mich also als letztes hinten an und kann in aller Ruhe das Geschehen beobachten.

Aus dem Senegal kommend habe ich das Gefühl eine neue Welt betreten zu haben. Die Beamten - mit deutlich hellerer Hautfarbe und arabischer Physiognomie -  sind mit Computern ausgestattet. Ein Lesegerät erfasst die Passdaten automatisch. Es scheint an der Tagesordnung zu sein, dass jeweils alle Pässe eines Fahrzeuges zusammen abgegeben werden und oben auf liegt ein schöner, roter 10,00 € Schein. Was soll das denn? Gibt man jetzt schon unaufgefordert ein kleines Bestechungssümmchen? Sieht irgendwie wieder nach Budenzauber aus!

In Erwartung der vermutlich folgenden Diskussion, kann ich mir ein leichtes Grinsen jetzt schon nicht verkneifen. Nach 15 minütiger Wartezeit bin ich endlich auch an der Reihe und gebe unsere Pässe ab. Das Visum wird kontrolliert, das Fahrzeug erfasst, die Pässe gestempelt und dann folgt die unweigerliche Frage nach 10,00 €. „ Wofür soll ich diese 10,00 € bezahlen?“ „Für meine Arbeit!“ „Bekommst du hier kein Gehalt?“ „Ja schon, aber nur sehr wenig!“ „Aber du hast in der vergangenen Viertelstunde bereits 40,00 € bekommen, das entspricht einem zusätzlichen Stundenlohn von 160,00 €!“ Mmmh, schweres Nachdenken beim Polizisten und dann eine kleinlaute Frage:“ Hast du nicht wenigstens eine Uhr, ein Handy oder eine Sonnenbrille? Wie stehe ich denn sonst vor meinen Kollegen da?“ Wahrscheinlich dumm, denn ich lasse mich auf keine weitere Diskussion ein, nehme unsere Papiere und stürme das nächste verfallene Häuschen, in dem ich den Zoll vermute.

Nach kurzer Wartezeit werde ich äußerst höflich in eine Art Büro gebeten und ohne großes Trara wird das Carnet gestempelt. Ich rüste mich derweil für den nächsten Ansturm von Bettelei und bin total erstaunt, als dieser nicht erfolgt. Ganz im Gegenteil, der Beamte setzt sich hinter seinem Schreibtisch in Position, nimmt einen ernsten Gesichtsausdruck an und sagt:“ Madam! Sie sind Deutsche! Haben sie Whisky oder Bier im Auto?“ Ich schlucke dreimal und kann zumindest den 1. Teil der Frage wahrheitsgemäß verneinen. Whisky haben wir nun wirklich nicht!

Unterdessen hat Jupp sich mit anderen Problemen herumzuschlagen, eine Haftpflichtversicherung für Monster muss abgeschlossen werden und selbstverständlich erfordert so etwas das volle Verhandlungsgeschick. Ich weiß nicht so genau, was alles palavert wird, aber am Ende können wir 3 Söhne unser Eigen nennen und vermutlich geht es uns schlechter als allen Mauretaniern zusammen. Mein Göttergatte läuft zu Höchstform auf und mich wundert nur, dass der Versicherungsvertreter noch nicht in Tränen ausgebrochen ist. Wir zahlen umgerechnet 30,00 € für 20 Tage, kein schlechte Schnitt, wenn ich so überlege, was so mancher für 3 Tage gezahlt hat.

Ohne weitere Kontrollen beenden wir das Thema Grenzübertritt für dieses Mal und fahren wieder auf der sog. Dammstrecke bis uns eine weitere Polizeikontrolle stoppt. Nur möchte der Polizist keinerlei Papiere sehen, sondern einfach ein paar Kilometer bis zu seinem Dorf mitfahren. Kein Problem, denn im Gegenzug zeigt er uns eine wunderbare Abkürzung, sodass wir eine ganze Ecke des eigentlichen Weges bis zur Asphaltstraße abschneiden. Alle 50 km steht hier ein Polizeiposten und damit keiner verloren geht, muss sich jeder Tourist registrieren. Wir haben dafür so genannte „Fiche“ vorbereitet, die neben unseren, auch den Namen von Vater und Mutter, den Beruf sowie alle Angaben aus unserem Reisepass und den Fahrzeugpapieren auflisten.

Die islamische Republik Mauretanien ist etwa dreimal so groß wie die BRD, jedoch werden 2/3 der Fläche von Stein- und Sandwüsten eingenommen. Sie ist mit 2.8 Mio. Einwohnern dünn besiedelt und daher ein recht ruhiges Land. Dazu im völligen Gegensatz steht die Hauptstadt Nouakchott, denn diese kann man eher als chaotisch bezeichnen.

Zu meinem Leidwesen verlasse ich mich mal wieder unbesehen auf unser GPS-Gerät und schon steuern wir den ausgewählten Stellplatz anstatt auf einer der schönen, breiten Avenues mitten über den Markt an. Es herrscht ein Gewusel, Gedrängel, Gehupe wie zu indischen Zeiten, herrlich…wenn man nicht ausgerechnet mit einem 8 Tonnen schweren Lkw hindurch muss.

Aber auch diese Übung bringen wir hinter uns und so kann uns der schmale, unschöne Hinterhof der Auberge Menata auch nicht mehr aus der Ruhe bringen. Wir verbringen 2 Tage in der quirligen Stadt und genießen die Atmosphäre während wir gemütlich beim Café Tunisien in der Sonne sitzen.

In Atar übernachten wir auf dem kleinen, heimeligen Campingplatz Bab Sahara, der von dem deutsch-niederländischen Ehepaar Just und Cora liebevoll geführt wird. Atar, eine großeOase, ist die wichtigste Stadt im Norden des Landes und gilt als die heimliche Hauptstadt der Mauren. Seitdem die Rallye Dakar nicht mehr hier halt macht und die Franzosen diese Gegend auf die rote Liste gesetzt haben, ist es sehr ruhig geworden und nur noch wenige Einzelreisende finden den Weg hierher.

Nach ein paar Tagen der Ruhe machen wir uns auf in die Wüste, nach Chinguetti, das bereits im 12. Jahrhundert gegründet wurde und eine der sieben heiligen Städte des Islams ist. Kaum haben wir Monster abgestellt, sind wir von einer Schar bunt gekleideter Souvenirverkäuferinnen umgeben, welche versuchen uns auf Schritt und Tritt zu folgen um ihre Ware an den Mann bzw. Frau zu bringen. Manche Frauen sehen wir in schwarzen Gewändern in den mittelalterlichen Gassen verschwinden. Neue Häuser sieht man sowohl in der traditionellen Lehmbauweise, wie auch kunstvoll gestaltet nur mit Natursteinen, ohne die Verwendung von Mörtel. Beeindruckend sieht die Moschee aus, deren viereckiges Minarett aus Natursteinen mit vier Zinnen versehen ist, auf denen besonders große Straußeneier als Symbol der Fruchtbarkeit thronen. Damals wurde bereits die Trockenmauer-Technik angewendet, welche sehr malerisch aussieht.

Wir entweichen den Verkaufstricks der vielen Damen, schlagen uns in die Wüste und haben zum 1. Mal so etwas wie „Sahara“ Feeeling.

Endlose Sanddünen bis zum Horizont, davor die Palmen einer Oase, es ist einfach schön.
Nach einem nochmaligen kurzen Stopp in Atar, geht es von dort aus ca. 400 km in Richtung Atlantik zum derzeit einzig möglichen Grenzübergang West-Sahara/Marokko. Die nur mit Geländewagen zu bewältigende Piste führt entlang der Bahnlinie, die das Erzabbaugebiet Zouérat mit dem 800 Kilometer entfernten Nouâdhibou verbindet. Wir versuchen über eine abseits der Piste liegende Route die Strecke abzukürzen und müssen dabei mehrere Dünengürtel überwinden. Dies geht nicht so ganz einfach, ein Luftablassen der Reifen ist zwingend erforderlich und dennoch kommt zweimal die Sandschaufel zum Einsatz. Dafür belohnen sich Fahrer und Beifahrerin mit einem kühlen Bier beim Betrachten des Sonnenuntergangs auf einer Düne und können dabei befriedigt feststellen: Unsere Sehnsucht nach Sand und dem Sternenhimmel ist bei dieser Tour voll befriedigt.

Nördlich des Bahngleises, die Grenze ist teilweise weniger als 2 km entfernt, ist es besonders gefährlich, denn aus der Zeit des Bürgerkriegs sind die Minen hier noch nicht geräumt. Der einzige Abschnitt der gefahrlos im Grenzgebiet befahren werden kann, sind die Pisten zum Ben Amira, dem zweitgrößten Monolithen der Welt nach dem Ayers Rock in Australien und genau dort verbringen wir unsere erste Nacht.

Bereits frühzeitig hören wir das dumpfe Rattern der Züge und als der Zug auf unserer Höhe ist, bietet sich ein tolles Bild, denn die Räder des Erzzuges schlagen auf den schlecht gewarteten Gleisen manchmal Funken. In den nächsten drei Tagen sehen wir immer wieder diese gigantischen Züge, die mit leeren Waggons rollen in Richtung Osten, Materialzüge mit 100 m langen neuen Bahnschienen und die mit Eisenerz beladenen Waggons in Richtung Westen. Bis zu 180 volle Waggons haben wir gezählt, jeweils 10m lang mit 100 t Eisenerz beladen und von vier kräftigen Diesel-Loks gezogen.

Diese Züge sind 1,8 km lang und 20 000 t schwer. Die Erschütterung des Bodens ist unter dieser Last förmlich zu spüren und obwohl keine großen Steigungen und Kurven zu bewältigen sind, fährt der Zug wegen des Gewichts kaum schneller als 30 km/h.

Am Ende erreichen wir den kleinen Ort Bou Lanouar, der es uns etwas schwer macht, den Ausstieg der Piste zu finden, da dieser mitten durch die Müllhalde führt. Wir beschließen anstatt den Umweg nach Nouâdhibou zu nehmen, eine weitere Nacht direkt am Bahngleis zu verbringen und dann morgen von hier zu Grenze zu fahren.

Die Ausreise gestaltet sich mehr als einfach, innerhalb weniger Minuten und ohne irgendwelche Fragen nach Geschenken ist die ganze Prozedur erledigt und wir blicken zurück auf ein Land und Leute, die uns unheimlich gut gefallen haben. Wir sind froh über die Entscheidung, uns hier mehr Zeit genommen zu haben.