Marokko: März 2013

Das Niemandsland zwischen Mauretanien und Marokko ist schlichtweg der Hammer. Unser Reiseführer und auch etliche Schilder weisen darauf hin, dass man die Piste zwischen den beiden Grenzabfertigungen wegen der Minen nicht verlassen soll, aber welche Piste meinen die denn nur? Wir stehen vor einer Art Geröllfeld, durchsetzt mit dicken Steinen und sehen lediglich an manchen einen größeren Abrieb. Soll das unser Weg sein? Erschwerend kommt das Wissen hinzu, dass hier noch 2007 Holländer ums Leben gekommen sind, die einfach nur vom Weg abgekommen sind. Wir gehen es an, rumpeln vorbei an zahlreichen ausgebrannten Fahrzeugwracks und sehen so manchen Pkw, der von einem stärkeren Fahrzeug abgeschleppt werden muss. Und dann? Von jetzt auf gleich: perfekte Teerstraße, anscheinend haben wir den marokkanischen Grenzposten erreicht. Von Aussichtstürmen sondieren bewaffnete Militärs die Lage, Betonbauten beherbergen die Einwanderungsbehörde und den Zoll, das Ganze relativ gesichert durch reichlich Polizeipräsenz. Wow, so etwas haben wir lange nicht gesehen.

Der Grund für dieses ganze Heckmeck? 1975 zog sich die Kolonialmacht Spanien aus diesem Gebiet zurück und überlies damit das Feld Algerien, Marokko und Mauretanien, die um das Territorium miteinander stritten und gegen die Freiheitskämpfer der Westsahara, die „Polisario“, zu Felde zogen. Daraufhin wurden 2 Drittel von Marokko und der Rest von Mauretanien besetzt, Algerien guckte sozusagen in die Röhre. Der darauf folgende Protest und zahlreiche Untergrundkämpfe gegen diese Aufteilung brachte aber lediglich Mauretanien zum Rückzug aus der Westsahara und Marokko annektierte das gesamte Gebiet. Der Aufreger: Die Vereinten Nationen haben mit Resolutionen das Recht der West-Sahara-Bewohner bekräftigt, in einer Volksabstimmung selbst über ihre Zukunft zu entscheiden. Eigentlich ganz toll, aber leider hat die Bevölkerung, die Sahraouis, bisher keine Chance bekommen, über ihr Land zu bestimmen. Derweil zementiert Marokko mit dem Bau ganzer Städte und Infrastruktur wie Strassen, Telefon und Stromnetz seine Ansprüche.

Wir haben keine weiteren Probleme bei der Einreise, allerdings ist der zuständige Beamte der erste, der sich über Jupps vorläufigen Ausweis mokiert. In den letzten 9 Ländern ist das niemandem aufgefallen, hat Europa uns jetzt schon wieder? Egal, wir bekommen 90 Tage Aufenthaltsgenehmigung eingestempelt und machen uns auf zum nächsten Schritt. Dieser ist allerdings etwas unübersichtlich, denn auf dem Zollhof tummeln sich derart viele Fahrzeuge, Zöllner und andere Menschen, dass man nicht so recht weiß, wohin des Weges. Aber wie eigentlich immer: sprechenden Menschen ist zu helfen und so finde ich in das Büro, in dem es eine Art Laufzettel gibt.

Wir und Monster haben nun diverse wichtige Prozedere zu absolvieren:
1. Station: Zöllner mit Drogenhund inspiziert Monster von innen und außen, wir machen nix, der Hund findet nix
2. Station: die Röntgenanlage, Monster wird durchleuchtet, wir machen nix, die Röntgenbilder finden nix
3. Station: Zöllner kontrollieren nochmals, wir machen nix, sie finden auch nix
4. Station: Wonach suchen die denn eigentlich? Bier? Wein? würden wir auch gerne finden…
Der Laufzettel ist abgearbeitet, zurück zum 1. Büro und auch Monster darf endlich einreisen, nach einer Versicherung fragt übrigens niemand!
Nachfolgend macht lediglich die erste Tankstelle Freude, denn Diesel für 0,62 € einzufüllen, macht Spaß.

. Ansonsten ist die Strecke total eintönig, schwarzer Asphaltstreifen in der Mitte, rechts Sand, links Sand, manchmal ein bisschen Sand auf der Straße…

… wir erreichen einen kleinen Ort... Lamhiriz… ein Retortendorf samt Moschee verfügt immerhin über Metzger und Bäcker, was brauchen wir mehr…

Wir fahren bis zur Küste zum Village de Pecheur und staunen nicht schlecht, wie viele Wohnmobile hier geparkt sind. Fast alle mit französischem Kennzeichen scheinen sie zu den vielen Überwinterern zu zählen, von denen wir bereits gehört haben. Hm, hier fühlen wir uns aber nicht sonderlich wohl, es muss doch auch noch etwas Besseres geben. Wir kurven ein wenig herum und siehe da, auf einer Anhöhe erspähen wir 2 ausgebaute Lkws, na, dort scheinen wir besser aufgehoben und steuern die Anhöhe an. Die beiden Lkw haben deutsche Kennzeichen und so werden wir von deren Bewohnern Margret, Rolf, Gisela und Gerolf freundlich begrüßt.

Wir fühlen uns so wohl auf diesem Stellplatz mit Aussicht, dass wir gleich mehrere Tage dort verweilen bevor wir die nächste eintönige Strecke in Angriff nehmen. Die Orte, die wir passieren muten an wie Geisterstädte. Die Neubauten sind akkurat im Viereck errichtet, samt zentraler Moschee. Marokkaner sollten hier angesiedelt werden. Offenbar ist der Drang in die Wüstenei aber nicht all zu groß, denn um die größtenteils leer stehenden Gebäude fegt der Wind und der Sand der Sahara erobert sein Terrain stückweise zurück. Die Dünen „laufen“ praktisch über die Strasse und Bagger sind damit beschäftigt die Route freizuhalten.

Wir erreichen Dakhla, das auf einer Landzunge liegt und staunen nicht schlecht, als wir KM 25 erreichen. Unzählige Wohnmobile stehen dort in Reih und Glied und der Begriff „Tupperdose“ ist durchaus angemessen. An diesen bis zu 14 Meter langen Teilen ist nun wirklich alles aus gut verschließbarem Plastik. Europäische Rentner überschwemmen in diesen Fahrzeugen Westafrika, wenn zu Hause der Winter Einzug hält. Sie übernachten auf dieser Art von Wildcamps, denn sie sind mit ihrer Ausstattung wochenlang autark. In Dakhla verbringen sie mehrere Monate am Stück an der gleichen Stelle, auf schattenlosen Arealen, die dem Wind und dem Salz des Meeres voll ausgesetzt sind. In ganzen Gruppen verabreden sie sich für das nächste Jahr, damit sie beim Kite-Surfen Gesellschaft haben. Am Abend verschwindet jedes Pärchen zum Fernsehen in die eigenen vier Wände. Ob es da nicht in Südfrankreich schöner wäre?

Wir fahren zunächst mal in den Ort, der sich als ein quirliges Städtchen mit ca. 20-30.000 Einwohnern entpuppt. Die Leute sind super freundlich und nett, alles andere als aufdringlich, aber trotzdem sehr hilfsbereit. In der Stadt gibt es einen alten und einen neuen Souk, wo man so ziemlich alles für den täglichen Bedarf bekommt.

Ein Brot kostet 10 Cent, ein Kilo Tomaten 1 Euro, 10 Eier 90 Cent, Salat, Obst und Gemüse ist reichlich vorhanden und im neuen Souk gibt es einen Fischmarkt, wo man sich die Viecher gleich ausnehmen lassen kann. 1 kg Seezunge schlägt mit 3 Euro zu Buche!!! In Europa dürfte der Preis beim 10-fachen liegen. Wie wir aus gut informierten Kreisen erfahren haben, soll es sogar ein Hotel geben, in dem Alkohol an Ausländer verkauft werden darf. Ist schon klar, dass wir dieses nach der langen Durststrecke in Mauretanien ansteuern, oder? Wir also rein in den Laden und bereits an der Rezeption verweist man uns in einen der hinteren Räume, in dem sich eine lange Theke befindet. Sehen wir schon derart verdurstet aus? Während wir so am Tresen stehen, bemerken wir immer mehr Marokkaner, die sich durch einen Hintereingang herein schleichen und durch selbigen mit gefüllten Taschen wieder verschwinden. Na was ist das denn? Sind die Marokkaner nicht überwiegend moslemisch und müssten daher dem Alkohol absprechen? Anscheinend ist das reine Auslegungssache, denn in dieser Bar hier herrscht reges Kommen und Gehen. Aber so ganz wohl scheinen sich die „Sünder“ in ihrer Haut doch nicht zu fühlen, denn als auch wir die Bar durch den Hintereingang verlassen, bemerken wir eine Art Türsteher, der das Geschehen auf der Straße sehr genau beobachtet.

Nach 2 Tagen treibt es uns weiter, über Boujdour nach Laayoune, wo es im Hafen mit 0,60 € „den“ billigsten Diesel von ganz Marokko gibt. Wir schlagen erbarmungslos zu, beide Tanks werden insgesamt mit 600 l befüllt und anschließend wandern noch 5 Kanister mit je 20 l Inhalt auf Monsters Dach. Das sollte fürs Erste genügen!!
Am nächsten Morgen rollen wir auf einer recht neuen Straße immer am Meer entlang, Tarfaya, raue Steilküste und wunderschöne Übernachtungsplätze begleiten uns bis hinauf nach Tan Tan und so ganz langsam dämmert uns, dass unsere Reise zu Ende ist, hier beginnt der Urlaub. Marokko hat an touristischer Infrastruktur alles zu bieten, perfekt durchorganisierte Campingplätze, hervorragende Restaurants und vorbildlich organisierte Sehenswürdigkeiten. Bankautomaten akzeptieren unsere EC-Karten, das Personal spricht Deutsch und die Straßen sind in bestem Zustand. Uns macht das deutlich, dass wir Afrika langsam hinter uns lassen. Nur gelegentlich blitzt die afrikanische Mentalität durch. So eilt den Polizisten in Tan Tan ihr Ruf zur Korruption meilenweit voraus. Bereits unterwegs wurden wir ermahnt am Kreisel in der Ortseinfahrt das Stopp-Schild ja nicht zu überfahren, da uns das sonst sagenhafte 70 Euro kostet. Und tatsächlich, Monster wird mit Argusaugen betrachtet, ob er denn auch korrekt anhält. Kurz nach der Ortsausfahrt halten wir für unseren obligatorischen Frühstücksstopp und werden wenige Minuten später von einem deutschen Motorradfahrer begrüßt. Großes Hallo, wo kommst du her, wo willst du hin und dann die Antwort: „Ich bin auf dem Weg nach Hause, ich muss am Montag wieder arbeiten.“ Häh? Diesen Montag? Heute ist Mittwoch!! Typen gibt’s…

Nächstes Etappenziel ist Tiznit. Vor den Toren der Stadtmauer, die die Medina umschließt, befindet sich ein Campingplatz, der jedoch aus allen Nähten platzt. Dicht an dicht stehen auch hier die Überwinterer, was mich aber nicht davon abhält, den Campingplatzbesitzer nach einem Ausweichplatz zu befragen. In perfektem Deutsch erzählt dieser mir, wir seien doch autark und wir sollten einfach in die Medina auf einen bewachten Parkplatz fahren. Das lassen wir uns doch nicht 2 x sagen, schwupps durchfahren wir eines der 6 Tore und lassen uns auf dem Parkplatz direkt am Souk nieder. Natürlich eilt sogleich ein Parkwächter herbei um die Gebühren zu kassieren. Als wir ihm erklären, wir wollten gerne über Nacht hier parken, ist alles kein Problem mehr, wir sollen uns einfach im hinteren Bereich, direkt vor der Polizeistation, niederlassen. Auch schön!

Wir erkunden den Souk, gehen zum Abendessen mal wieder in ein Restaurant und wollen gegen 22.00 Uhr in die Kissen sinken. Doch an Schlaf ist beim besten Willen nicht zu denken, war der Markt am späten Nachmittag nur mäßig besucht, tobt nun das Leben. Alle Straßencafés sind voll und die Fernsehgeräte laufen heiß, es ist Mittwoch…die Champions League ruft…wir hauen ab und finden vor den Toren der Stadt an einer riesigen Tankstelle ein ruhiges Plätzchen.

Wahrscheinlich nennt man so etwas Schicksal, denn wäre es in der letzen Nacht nicht so laut gewesen, wären wir sicherlich noch eine Nacht geblieben und nicht schon heute nach Agadir zum Marjane gestartet. Marjane, das ist eine Supermarktkette, die es in einigen großen Städten Marokkos Geschäfte gibt und alles hat. Von Lebensmitteln bis zum Außenbordmotor oder einer kompletten Wohnzimmereinrichtung. Während wir durch die Reihen schlendern, uns das Wasser im Munde zusammenläuft und uns schier nicht entscheiden können, was wir denn alles kaufen, hören wir plötzlich jemanden meinen Namen rufen. „Doro“ schallt es durch den Laden und ich denke, ich habe eine Erscheinung. Wer sollte mich hier kennen? Es ist Helga, eine Bekannte aus unserem Heimatort Kevelaer mit ihrem Mann Ewald. Die Freude ist groß und nachdem wir endlos in den Gängen des Supermarktes gequatscht haben, laden die Beiden uns auf „ihren“ Campingplatz im Norden von Agadir ein. Dort haben sie für 3 Monate ein Häuschen gemietet. Aus der geplanten Übernachtung werden gleich 2 Tage und wir freuen uns riesig über die Kevelaerer Würstchen, die wir beim Abschied geschenkt bekommen.

Auf der R105 fahren wir auf teils sehr schmaler Bergstrasse mit wenigen Ausweichmöglichkeiten über Âit-Baha nach Tafraoute. Unterwegs haben wir grandiose Ausblicke in die tiefen und langen Täler, die Berge schimmern in allen erdenklichen Brauntönen, teilweise ins Rot und Gelb gehend, die Farben der Häuser passen sich der Gegend an. Etwa auf halber Strecke zwischen Ait-Baha und Tafraoute passieren wir das Ksar (Bergdorf) Tizourgane. Der nur aus etwa 50 Häusern bestehende Ort liegt auf einer Bergkuppe des Anti-Atlas in knapp 1000 Metern Höhe.