Ghana: Dezember 2012

Über eine kleine Grenzflussbrücke erreichen wir ein mannshohes Gitter, bei dem es sich wohl um den ghanaischen Schlagbaum handeln muss. Es dauert gar nicht lange, da erscheint ein Zöllner und lässt uns hineinfahren. Wir werden überaus freundlich und korrekt behandelt, die Pässe werden gestempelt und zu unserer Verwunderung bekommen wir ein Aufenthaltsrecht für 60 Tage obwohl unser Visum nur für 30 Tage ausgestellt ist. Das Carnet wird lediglich kontrolliert, es soll erst im nächsten Ort eingestempelt werden und genau dorthin eskortiert uns nun ein weiterer Zöllner auf seinem Moped.

Als wir am nächsten Kontrollpunkt ankommen, beginnt das große Nachdenken. Was wollen diese Zöllner mit ihrer Freundlichkeit nur von uns? Irgendwelche Geschenke? An diesem riesigen Gebäude hätten wir nun wirklich nicht vorbeifahren können. Dementsprechend sind wir etwas komplex als auch hier in Windeseile gestempelt wird und sich anschließend alle superfreundlich und winkend von uns verabschieden. Wir können gar nicht glauben, dass in Westafrika mal etwas sooo völlig problemlos funktioniert.

Wir erreichen ein kleines namenloses Kaff und versuchen vergeblich in der noch kleineren Landwirtschaftsbank Geld zu wechseln. Eigentlich auch nicht sonderlich verwunderlich angesichts der Größe der Ortschaft. Der einzige Nachteil, nun können wir nicht über die deutlich kürzere Piste zur Wli Waterfall Lodge fahren, sondern müssen den Umweg über Hohoe in Kauf nehmen. Beim dortigen Geldwechseln wundern wir uns bereits zum 2. Mal an diesem Tag, denn auch dieses geschieht völlig unspektakulär innerhalb von 2 Minuten und ohne irgendeine Legitimation. Unglaublich! Ist Ghana wirklich so anders?

In der Wli Waterfall Lodge von den beiden Deutschen Sabine und Bernhard fühlen wir uns auf Anhieb sauwohl. Die Zwei sind vor 8 Jahren mit einem alten Mercedes Postbus 609 durch Afrika gereist, haben dann diesen tollen Platz entdeckt und sind geblieben. Der Garten ist ein Hort der Ruhe, von der Terrasse schauen wir über tropischen Regenwald bis zur Gebirgskette, welche die Grenze zwischen Togo und Ghana bildet.
Jeden Abend beobachten wir das Farbenspiel der untergehenden Sonne bevor uns die nächtliche Kühle wunderbar schlafen lässt. Als wir dann noch den Rucksack- reisenden Jens aus D. (liebe Grüße, wo immer du dich gerade herumtreibst) kennen lernen, ist auch für die Unterhaltung gesorgt und die Tage vergehen wie im Flug. Schweren Herzens reißen wir uns nach 3 Tagen los, denn wieder einmal werden wir von der Visabeschaffung gejagt. Dieses Mal benötigen wir Mali, obwohl uns angesichts der Nachrichten von dort, arge Zweifel an der Machbarkeit befallen. Die einzige Alternative wäre jedoch die Fahrt über die Elfenbeinküste und Guinea, beides auch nicht unbedingt sichere Ziele, vom Straßenzustand mal völlig abgesehen.

Über Akosombo geht es in die Hauptstadt Accra und in ein Verkehrschaos sondern Gleichen. Um die malische Botschaft zu erreichen, müssen wir mitten in die Altstadt und benötigen für die letzten 2 Kilometer fast eine geschlagene Stunde. Wahnsinn! Immerhin sind die Visaanträge schnell gestellt und hopplahopp stehen wir wieder im Stau. Dieses Mal aber nur bis zur nächsten Ecke, denn wir wollen stadtauswärts in Richtung Coco Beach. Beim Turtle Beach Guesthouse finden wir einen vermeintlich schönen Platz direkt am Strand d.h. der eigentliche Platz ist schon in Ordnung, aber der Nachbar zur rechten scheint ein Mensch aus der Gattung A…loch zu sein.

Von morgens um 10.00 Uhr bis nachts um 2.00 Uhr beschallt dieser Typ die ganze Umgebung mit Musik aus dröhnenden Boxen. Wir sind überaus froh, dass die Nächte nicht so tierisch heiß sind und wir mit geschlossenen Fenstern schlafen können. Ob es etwa am Alter liegt, dass wir lieber das monotone Brummen eines Lüfters als die ganze Nacht Bob Marley hören?

Nach 2 Nächten ergreifen wir die Flucht und entern die malische Botschaft. Nicht vor 14.30 Uhr hatte uns die Empfangsdame eingebleut, also kommen wir pünktlich um 14.30 Uhr. Wer natürlich nicht anwesend ist, ist die Empfangsdame. Sie sei kurz zum Einkaufen gegangen, erklärt uns der Pförtner. Ist klar, oder? Selbstverständlich muss man während der Arbeitszeiten einkaufen gehen, sonst kommt man womöglich zu spät zum Feierabend.

Ich lungere also in der Vorhalle der Botschaft herum und sehe mit Freude, dass sich ein großes Botschaftsfahrzeug nähert, dem der Herrn Botschafter persönlich entsteigt. Jetzt heißt es die Gunst der Stunde nutzen! Also freundliches Grinsen ins Gesicht, höflich „Bonjour“ und „Ca va?“ (Guten Tag. Wie geht’s?) sagen und schon fragt der Gute mich, was ich denn hier mache. Tja, eigentlich unsere Pässe abholen, aber leider sei gerade niemand da. Ohne mit der Wimper zu zucken, werde ich zum Mitkommen aufgefordert und lande treppauf, treppab im Büro der Chefsekretärin, die nun einen ordentlichen Anpfiff kassiert. Kaum ist der Chef entschwunden, greift sich die gebeutelte Sekretärin den Telefonhörer und putzt nun ihrerseits irgendjemanden herunter bevor sie mir unsere Pässe aushändigt. Eigentlich bin ich ja nicht so die Petze und schäme mich auch ein bisschen, aber angesichts solcher Arbeitsmoral wirklich nur ein klitzekleines Bisschen…

Dass wir nicht mehr zu unserem Party-Campground zurückkehren, versteht sich von selbst. Stattdessen quälen wir uns ein weiteres Mal durch den Stau, zu einem Kaff namens Kokrobite und dem „Big Milly’s Backyard“, das von der symphatischen Engländerin Wendy geführt. Es ist einfach, aber alles sehr hübsch, liebevoll gemacht und richtig gemütlich.

Das Duschwasser holt man aus der Zisterne, geht in ein abgeschirmtes Rondell und mit einer Schöpfkelle wird dann unter freiem Himmel geduscht. Es scheinen sich alle Backpacker und Volontäre, letztere sind jede Menge in Ghana, hier zu verabreden. Ein Camp direkt am Strand zum Wohlfühlen und Abhängen. Wir wären sehr gerne länger hier geblieben, aber Wendy macht uns gleich am Anfang darauf aufmerksam, dass Samstags immer Partynight ist und es die ganze Nacht recht laut zu geht. Das hatten wir schon, also nix wie weg. Wir landen an einem schneeweißen Strand im noblen Anomabu Resort unter schattigen Palmen und fühlen uns wie im Paradies. Das Campen hier ist zwar nicht so ganz billig, aber dafür ist das Frühstück inbegriffen und wir genießen es einfach, uns mal wieder von vorne und hinten bedienen zu lassen.

Total relaxt besuchen wir in Elmina das alte Sklavenfort St. George. Dieses Weltkulturerbe wurde in 1482 von den Portugiesen gebaut und in 1637 von den Holländern erobert, die mit dem Sklavenhandel begonnen haben. Auf einer geführten Tour sehen wir u.a. die „Tür ohne Wiederkehr“, durch die die Sklaven auf kleinen Booten zu den großen Sklavenschiffen gebracht wurden, die an der Küste vor Anker lagen. Männer und Frauen wurden voneinander getrennt gefangen gehalten und sahen sich erst kurz vor der Deportation wieder. Der Gouverneur bewohnte die obere Etage und hatte von dort eine gute Aussicht in das Lager der Frauen. Immer wieder hat er sich von dort eine der Sklavinnen ausgesucht, die dann zunächst gewaschen und über eine geheime Treppe direkt in sein Schlafzimmer geführt wurden.

Entlang der Küste geht es weiter, Weihnachten verbringen wir im „Kosa Beach“ Resort, das von 2 holländischen Paaren geführt wird, bei selbstgebackenem Apfelkuchen mit Vanilleeis und Sylvester erleben wir eine Riesenparty im „Green Turtle“ am Strand in Dixcove. Wir wandern am Strand entlang zu dem kleinen Dörfchen Akwidaa und sind ziemlich geschockt von den Bedingungen unter denen die Menschen hier leben müssen. Es gibt weder Strom noch fließendes Wasser und dementsprechend natürlich auch keine Toiletten. Jeder sucht sich ein Plätzchen am Strand und so sind manche Stellen über und über mit „Tretminen“ bedeckt. Geruchstechnisch ebenfalls kein Highlight!

In Kumasi, der zweitgrößten Stadt Ghanas, können wir auf dem Gelände des „presbyterian guesthouses“ unterkommen. Dieses liegt mitten in der Stadt, von dort können wir alle Geschäfte und Restaurants wunderbar zu Fuß erreichen und so steht einem Besuch in einem indischen Restaurant nichts im Wege. Von manchen als der „größte“ Markt Afrikas bezeichnete „Kejetia market“, darf natürlich auch nicht fehlen. Wir wissen nicht, was wir dort sehen, denn dieser Markt ist mindestens so groß wir 7 Fußballfelder und es gibt wahrscheinlich nichts was es nicht gibt. Fast unmöglich sich nicht zu verlaufen.

Nächstes Etappenziel ist Boabeng-Fiema und das dortige Schutzgebiet für Mona- und die schwarz-weißen Colobus-Affen. Unter der fachkundigen Leitung des Führers Edmund unternehmen wir einen morgendlichen Waldspaziergang. In dem kleinen Dörfchen toben die Mona-Affen überall herum und Edmund will sich schier totlachen, als einige von ihnen in die Kirche gehen. „They go to church, hihihi!“

Auf unserem steten Weg in Richtung Norden verweilen wir noch 2 Tage in Tamale, einer recht quirligen Stadt. Wir tauchen ein in das chaotische Treiben auf dem Markt und können für Jupp tatsächlich ein paar neue Birkenstock-Sandalen erstehen. OK, vielleicht doch nicht so ganz echte…

Ghana stellt sich insgesamt als sehr angenehmes Reiseland dar. Vermutlich eines der freundlichsten und auch ein leicht zu bereisendes Land in Westafrika mit moderaten Preisen. Ob es nun daran liegt, dass uns das Reisen endlich wieder Spaß macht?