Malawi: Oktober 2011

Malawi- das warme Herz Afrikas- mit diesem selbst gewählten Slogan heißt der kleine Staat Besucher willkommen und so auch uns.

Der Grenzübertritt ist mal wieder einer der ganz leichten Art, als Deutsche reisen wir ohne Visum und völlig kostenlos ein. Auch das Geldwechseln scheint kein Problem zu sein, allein der Kurs gefällt uns in keiner Weise, denn anstatt 200 malawische Kwacha für einen Dollar, will man uns hier nur 175 MK geben. Kurz entschlossen sagen wir am Schlagbaum wir hätten einen Stempel auf der tansanischen Seite vergessen und düsen über die kleine Grenzbrücke nochmals zurück. Alles kein Problem!

Wir bezahlen die erforderliche Roadtax und schon sind wir auf den recht guten Straßen Malawis unterwegs. Als 1. fällt uns auf, dass es hier keine dieser schrecklichen Speedbreaker zu geben scheint und als 2. dass kaum Verkehr herrscht, d.h. kein Autoverkehr, denn Menschen und Tiere tummeln sich genügend auf dem Asphalt.

So wie auch in Äthiopien rufen die Kinder fröhlich „ Musungu, Musungu“ was soviel bedeutet wie „ Fremder, Weißer“, die Bettelei hält sich jedoch in Grenzen. Ganz im Gegenteil, die Kinder werden von den Erwachsenen angehalten uns in Ruhe zu lassen und wir staunen über die liebenswerte Angewohnheit der Einheimischen, sich zu bedanken, nachdem sie uns einen Gefallen oder eine Auskunft gegeben haben. Kurzum wir fühlen uns auf Anhieb sehr wohl in diesem kleinen Land.

1874 hatte Dr. Laws die erste Livingstonia Mission in Cape Maclear gegründet, da sich diese aber als Malariaherd entpuppte, machte er sich auf die Suche nach einem anderen Standort. Er entdeckte ein unerschlossenes Plateau, das zwar nur mit viel Kletterei zu erreichen war, aber einmal oben angekommen, hatte man einen spektakulären Ausblick und auf 1360 m Höhe ein recht angenehmes Klima. Das Klima und die alten Gebäude üben eine starke Anziehungskraft auf uns aus und so machen wir uns auf den Weg dorthin.

Zuerst versuchen wir uns an der berühmten Longmuir- oder Gorode- Road, die mit 20 Haarnadelkurven serpentinenartig den 800 m höheren Berg erklimmt, aber bereits nach 2 Kilometern wird klar, diese Strecke ist nichts für unser Monster. Der rumpelige Weg ist deutlich zu schmal und die scharfkantigen Felsen sind auch nicht nach unserem Geschmack, also kehrt marsch, es gibt ja schließlich noch eine Alternative zur Serpentinenauffahrt.

Während wir auf dem Weg dorthin sind, beginnt es zu regnen. An sich ja kein Drama, denken wir und nehmen frohen Mutes die alternative Lehmpiste in Angriff. Es geht steil bergauf und trotz eingeschaltetem Allrad ist bereits nach 50 m Schluss. Was ist das jetzt? Sollte Jupp den falschen Gang gewählt haben? Aber nichts dergleichen ist es, sondern ein Blick aus dem Fenster zeigt recht schnell, dass sich unser Reifenprofil schlicht mit dem nassen Lehm zugesetzt hat und alle Räder durchdrehen. Also das wird wohl auch nix und wir beschließen umzukehren und im Chitimba Beach Resort abzuwarten, bis sich der Regen verflüchtigt und die Strecke wieder abgetrocknet ist. Tja, leichter gesagt als getan, denn drehen können wir auf der Piste nicht und Monster scheint nicht gewillt zu sein, auf dieser rutschigen Kleie rückwärts zu fahren.

Im Zeitlupentempo rutschen wir den Berg hinab, bei jedem Bremsen verlieren wir an Grip und schlindern ein wenig mehr in Richtung seitlichem Graben. Erinnerungen an Peru und die Auffahrt nach Kuelap werden wach, unsere Nerven schlagen Kapriolen, die Hände und Knie zittern, lieber Gott lass uns heil hier herunterkommen!!! Nach endlosen, bangen Minuten ist es geschafft, wir haben Asphalt unter den Rädern.

Im schönen Chitimba Beach Resort beruhigen wir unsere flatternden Nerven und genießen die Aussicht auf den See. Der Malawisee ist der drittgrößte See Afrikas und der vierttiefste der Welt, seine tiefste Stelle reicht bis 200 m unter den Meeresspiegel. Leider gibt es an seinen Ufern immer wieder Stellen, an denen der Erreger der Bilharziose vorkommt. Das ist eine Infektionskrankheit, die man sich weltweit in tropischen Gebieten in stehendem Süßwasser mit Uferbewuchs einhandeln kann, denn in dieser Umgebung lebt eine Wasserschnecke, die als Zwischenwirt der Erreger fungiert. Diese lösen sich von der Schnecke, um im Wasser menschliche Haut aufzuspüren und unbemerkt zu durchbohren. Dann nisten sie sich im Darm oder in der Blase ein und wachsen zu Würmern heran, die 15 Jahre lang überleben können. Kein sehr angenehmer Gedanke, doch kann man diesen Würmern recht unkompliziert mit einer Einmaldosis eines Medikaments auf den Leib rücken.

Nach 3 Tagen in Chitimba zeigt der Regen immer noch keine Einsicht und wir beschließen weiterzufahren. Livingstonia hin oder her, wir können schließlich nicht ewig hier verweilen und so geht es gemütlich weiter am See entlang. Unterwegs wollen wir die Handy-Simkarte, die wir von Rotel- Kathrin geschenkt bekommen haben, aufladen und stoppen dazu an einem kleinen Laden. Sogleich finden sich einige Schaulustige ein und reißen die Preisverhandlungen an sich. Ein junger Mann ist besonders dreist und erzählt uns, eine Karte kostet 250 MK. Auf unseren Protest hin, reduziert sich der Preis auf 150 MK, jedoch hat der Schlawiner die Rechnung ohne die eigentliche Verkäuferin gemacht, denn diese hat uns inzwischen eine dieser Rubbelkarten gegeben und siehe da, der aufgedruckte Preis beträgt 100 MK. Jupp weist den jungen Mann darauf hin und da sagt dieser doch tatsächlich: „ 100 ist 150!“ Wir platzen laut los, hauen uns auf die Schenkel und rufen unter lachen immer wieder: „100 ist 150“, ha ha ha. Das Schlitzohr ist peinlich berührt und ergreift schleunigst die Flucht. 100 ist 150!!!

Nächster Stopp ist Chinteche und dort lernen wir ein neues Phänomen kennen, denn an manchen Tagen glauben wir riesige Rauchsäulen über dem See zu entdecken. Wie wir dann nachlesen, handelt es sich dabei um Seefliegen, die als Larven monatelang unter Wasser gelebt haben. Um sich dort vor den gefräßigen Fischen zu verstecken, tauchen sie tagsüber 250 m tief und erst nachts stärken sie sich mit tierischem Plankton in ca. 50 m Tiefe. Irgendwann steigen sie dann zu Abermillionen aus dem Wasser empor.

Die Hauptverkehrsstraße am See entlang führt uns oft durch kleine Dörfer und vorbei an kleinen Märkten. Was jedoch das Lebensmittelangebot betrifft, stellt sich alles recht schwierig dar, denn oftmals sehen wir kilometerlang nichts anderes als Tomaten. Ab und an gesellen sich einige Zwiebeln dazu, entdecken wir gar einen Weißkohl oder auch ein paar Kartoffeln, stoppen wir auch schon abrupt. Wer weiß denn schon, wann wir das nächste Mal ein solches Angebot finden?

In den Supermärkten sieht es auch nicht gerade üppig aus und das wenige, das es gibt, ist unglaublich teuer. Erschwerend kommt dazu, dass durch häufige Stromausfälle die Frische natürlich auch nicht gewährleistet ist. Obendrein herrscht im ganzen Land akuter Treibstoffmangel, Diesel gibt es nur auf dem Schwarzmarkt zum doppelten Preis und Benzin an manchen Tagen an ausgewählten Tankstellen. Erschwerend kommt hinzu, dass der Präsident den britischen Botschafter kurzerhand aus dem Land geworfen hat und dem Land nun die dringend benötigten Devisen fehlen. Alles in allem nur eine Frage der Zeit, wann die eigentlich friedliebende Bevölkerung dem Präsidenten an den Kragen will.
Wir sind nicht stark von solchen Dingen betroffen, unsere Dieseltanks sind bis oben hin gefüllt und auch mit unseren Vorräten können wir bequem 3 Wochen überbrücken.

Auf dem Weg nach Senga Bay entdecken wir am Straßenrand immer wieder kleine Stände, die aus Stroh und Bast alle möglichen Dinge herstellen. Es gibt Körbe, Matten, kleine Teppiche und Autos und genau diese erregen unser Interesse. Ob es wohl möglich ist, ein kleines Monster herzustellen? Um es kurz zu machen, es ist und fragt nicht wie schön! Wir sind begeistert, wie detailgetreu die Jungs hier arbeiten.Einmal auf den Geschmack gekommen, möchten wir das Gleiche noch mal aus Holz und so etwas gibt es in der Mua Mission. Durch das Engagement eines Paters mit Hang zur Kunst entwickelte sich diese Mission zu einer Kulturbegegnungsstätte. Pater Boucher gestaltete die Mission in den letzten Jahren mit viel Liebe zum Detail und förderte eine Künstler- und Handwerkerwerkstatt, die nun unser Ziel ist.

Wieder einmal hat Rotel-Kathrin gute Vorarbeit für uns geleistet und bereits ein Bild von Monster weitergegeben, so dass die Schnitzarbeiten bereits angelaufen sind. Leider können wir die Fortschritte nicht persönlich besichtigen und das ganze Werk wird auch erst in der kommenden Woche fertig gestellt werden, aber dafür besichtigen wir das Chamare Museum, den Showroom der Künstler und kommen mit einem deutschen Volontär ins Gespräch, der in seinem freiwilligen, sozialen Jahr das hiesige Hostel leitet. Lars lädt uns ein, die Nacht dort zu verbringen und da wir nicht in Eile sind, willigen wir gerne ein. 

 Unser Verweilen führt dazu, dass wir am späten Nachmittag die Missionskirche besichtigen und dort von einem der Pater eine private Führung durch die gesamte Mission bekommen. Eine recht interessante Erfahrung.

Nach soviel Kultur zieht es uns zurück an den See, in Cape Maclear tauchen wir unsere Köpfe zum 1. Mal in Süßwasser unter und fühlen uns aufgrund der vielen bunten Barsche wie im Aquarium. Überhaupt scheint dieses Fleckchen Erde von einigen seltsamen Fischen bevölkert zu werden, denn bei dem Durst, den Teile der Bevölkerung hier an den Tag legen, müssen sie nahe Verwandte der Meeresbewohner sein. Mir bleibt heute noch der Mund offen stehen, wenn ich an eine Situation morgens um 6.15 Uhr denke. Ich reibe mir noch den Schlaf aus den Augen und denke ich träume, als eine mitcampende Südafrikanerin an mir vorbeistiefelt. Sie hat in der linken Hand ihren Kulturbeutel, zwischen den Lippen einen Glimmstengel und in der rechten Hand eine geöffnete Flasche Bier. Beim näheren Hinschauen erkenne ich, dass die komplette Gruppe bereits ein Bierchen zischt. Unfassbar!! Wer nun glaubt, die Truppe läge am Nachmittag komatös in der Ecke, hat sich schwer geirrt, die Party dauert den ganzen Tag und die halbe Nacht und am nächsten Morgen um 6.15 Uhr…. genau…gleiches Spiel wie gestern. Wieviele Tage das noch so weiter geht, wissen wir nicht, wir ergreifen lieber die Flucht und steigen in höhere Gefilde auf.

Das Zomba Plateau wird für die nächsten 3 Tage unsere Heimat. Hier treffen wir auf Vivian und Peter, die mit ihrem Bremach ebenfalls die frische, kühle Bergluft genießen. Gemeinsam erwandern wir die verschiedenen Aussichtspunkte, futtern ungezählte, wild wachsende, gelbe Himbeeren und wärmen uns abends am Lagerfeuer bei einem Gläschen Wein. Die klare Luft und die himmlische Ruhe würden wir am liebsten gar nicht mehr verlassen, aber was hilft es, gell?

Der Schock ist jedenfalls ziemlich heftig, als wir im Liwonde National Park mit Temperaturen um die 40°C im Schatten konfrontiert werden. Darüber helfen uns auch die ungezählten Hippos und Elefanten nicht hinweg.

Lilongwe, die Hauptstadt Malawis, ist wie eigentlich alle Großstädte, nicht so recht unser Ding. Wir erleben sie mehr auf der Durchreise und können den Bauwahn, der uns auf dem Capitol Hill, dem Regierungsviertel, empfängt, kaum fassen. Dieser steht im absoluten Kontrast zu dem Verkehrschaos das in der Altstadt und rund um den Markt herrscht. Ursprünglich wollen wir hier nur unsere Vorräte ein wenig auffüllen und uns anschließend auf den Weg in Richtung Sambia machen. Leider macht uns die Gasfüllstation einen Strich durch diese Rechnung, denn wie man uns erklärt, ist es tagsüber zu heiß zum Füllen und daher wird nur in den frühen Morgenstunden zwischen 3.00 und 7.00 Uhr gefüllt. Wir müssen also unsere Gasflasche dort lassen und können sie erst am folgenden Morgen abholen. Natürlich wollen wir uns vergewissern, dass diese Aktion auch von Erfolg gekrönt ist und befragen einen der Angestellten. „Füllst du die Flasche auf?“ „Ja!“ „Ist diese Flasche morgen früh auch befüllt?“ „Ja!“ „Bist Du morgen früh auch hier?“ „Ja!“ Ja dann ist ja alles gut, denken wir und wenden uns ab. Es dauert keine halbe Minute, da ruft der junge Mann hinter uns her und fragt:“ Kann ich bitte deinen Namen aufschreiben?“ „Warum?“ „Falls ich morgen früh nicht da bin!“

Entgegen sämtlicher Vermutungen ist die Flasche am nächsten Morgen tatsächlich fertig und unserer Abreise aus Malawi steht nichts mehr im Wege.