Türkei: September 2010

Recht zügig treten wir den Weg in Richtung Syrien an, müssen aber dann doch einen Zwangsstopp einlegen, denn irgendetwas scheint mit unserer Lenkung nicht in Ordnung zu sein. Das Lenkrad steht mal etwas nach links, dann wieder nach rechts, wir wissen keinen Rat, verfügen aber dank Sabine und Burkhard (www.pistenkuh.de) und Andrea und Achim (www.paulchen-on-tour.de) über den Namen einer Werkstatt in Osmaniye. Mehmet selbst ist zwar mehr der Spezialist für Bremsen, aber wie es immer so ist, er kennt einen, der einen kennt, der einen kennt… Nach 4 Tagen, die wir neben und in Mehmets Werkstatt verbringen, in denen wir wie Freunde aufgenommen und versorgt werden, starten wir zum 2. Mal gen Syrien und erreichen die Grenze tatsächlich am Morgen des 24.09.

Abschied…Der Abend vor unserer Abfahrt stimmt traurig, so viele Gedanken gehen durch meinen Kopf. Ob es daran liegt, dass wir in diesem Jahr viel länger in der Heimat verweilten? Weil es schwer fällt das Vertraute hinter sich zu lassen? Die Familie, die Freunde? Weil soviel Neues vor uns liegt? Afrika…ein uns völlig unbekannter Kontinent.
Ich sage:“ Dieses Mal fällt mir der Abschied besonders schwer.“, Jupp antwortet: “Das sagst du jedes Jahr.“ Aber wie es auch immer sein mag, ein Anfang bedeutet auch immer ein Ende und ohne das alte loszulassen, können wir nichts Neues beginnen.

In diesem Sinne starten wir am Dienstagmorgen, wenn auch mit einer Träne im Knopfloch, gen Süden. Den 1. Stopp legen wir in Valalta/Kroatien ein, wo wir uns einige Tage sammeln und neu sortieren. Es ist ein merkwürdiges Gefühl wieder unterwegs zu sein, Fragen zu den Grenzübertritten nach Serbien und Bulgarien wirbeln durch unsere Köpfe und zeigen uns, wie weit wir vom Reisen entfernt sind. Durch die halbe Welt sind wir gefahren und nun bereiten uns solche leichten Dinge Bauchschmerzen? Es ist höchste Zeit loszulassen, packen wir es an.

Beim Anblick der 1. Moschee auf türkischem Boden, des Rufes des Muezzin, der uns morgens um 5.00 Uhr weckt, spüren wir einen leichten Hauch des Orients, des Fremdartigen. Ja, das ist es, was uns antreibt, die Sehnsucht auf ungewohnten Pfaden zu wandern, das Leben aus völlig neuen Blickwinkeln zu betrachten und endlich setzt auch die Freunde über unsere Abfahrt ein. Afrika, wir kommen tatsächlich!

Morgens um 8.00 Uhr kurven wir bereits durch Edirne und um die mächtige Selimiye Moschee herum. Die Stadt macht einen ruhigen Eindruck und mit ihren Teegärten zwischen den Moscheen gefällt sie uns sehr gut. Dennoch zieht es uns, nachdem wir unsere Taschen mit türkischen Lira gefüllt haben, an die Küste. Wir wollen auf den Spuren wandeln, die wir vor 22 Jahren hinterlassen haben und dazu gehört auch, dass wir Istanbul dieses Mal links liegen lassen und stattdessen die Fähre über die Dardanellen nach Canakkale benutzen. Womit wir allerdings nicht gerechnet haben, ist der wahnsinnige Bauboom, der hier stattgefunden hat.

Das winzige Örtchen Güzelyali, in dem wir damals von den Einheimischen mit Rosensekt abgefüllt wurden, hat sich beinahe zur Stadt entwickelt und der riesige Sandstrand in Ören ist einem Bagger anheim gefallen.
Es reiht sich Ortschaft an Ortschaft und nur anhand der Ortsschilder bemerken wir, dass wir uns in einer anderen befinden. Wo sind die unbewohnten, verschwiegenen Buchten geblieben? Doch ja, es gibt sie noch, abseits der Touristenpfade und teils schwierig zu erreichen, aber unser Monster ist es gewohnt über holprige Wege und durch dichte Olivenhaine zu schaukeln. Und nun bemerken wir zum 1. Mal, dass unsere neuen Reifen deutlich komfortabler, viel weicher als unsere alten sind. Die Tage der harten Schlaglöcher scheinen gezählt.

Wir tingeln recht gemütlich die Küste entlang und kleine Wehwehchen in Form von der einen oder anderen Schraube, die sich gelöst hat, treten auf, doch im Großen und Ganzen sind wir sehr, sehr zufrieden. Der Motor schnurrt wie ein Stubenkater und der Ölverbrauch ist gleich null, anscheinend haben Vater und Sohn in Deutschland alles richtig gemacht.

Unterwegs wundern wir uns über die zahlreichen Touristen, die mittlerweile mit ihren Wohnmobilen die Türkei unsicher machen, selbst die Holländer mit ihren obligatorischen Wohnwagen bilden keine Ausnahme. Insgesamt ist es überall recht voll, denn das Zuckerfest, mit dem das Ende des Ramadans gefeiert wird, steht vor der Türe. Für uns ein Grund, es uns auf einem Picknickplatz in der Bucht von Gökova gemütlich zu machen. Hier ist es zwar auch deutlich voller als vor 5 Jahren, aber immer noch überwiegt die Anzahl der Türken die der Touristen.

Ein österreichisches Exemplar dieser Gattung erfreut uns am nächsten Morgen ganz besonders. Anstatt mit einem „guten Morgen“, begrüßt er uns mit den Worten: „ Aha, ihr seid’s also auch von der Holzblockfraktion“ womit er unsere Auffahrböcke meint, mit deren Hilfe wir Monster zum Schlafen waagerecht ausrichten. Schlau wie dieser Oesi ist, stellt er direkt fest, dass unsere Blöcke nicht über die ideale Form verfügen, vielmehr müssten diese zu einer Seite abgeflacht, insgesamt dicker und selbstverständlich auch deutlich breiter sein.

Derart ausgerüstet könnten wir demnächst ohne Probleme auf diese Böcke auffahren. Häh??? Hat dieser Schlaumeier Monster vielleicht schon mal näher betrachtet? Ich beginge vor Vergnügen schon fast zu glucksen, als Jupp, sich mühsam beherrschend, dem Guten sagt, dass wir dann wohl 5 Jahre lang alles falsch gemacht haben und ob er vielleicht bemerkt hat, dass es sich um ein Allrad-Fahrzeug handelt, das momentan vorne auf einen ca. 35 cm hoch Stein gefahren ist.
Einmal in Wallung geraten, zählt Jupp zur Krönung die von uns bereisten Länder auf, was dem österreichischen Landsmann deutlich missfällt und ihn endgültig davon treibt.

Kurze Zeit später gesellt sich ein flippiger, drahtiger Türke mit seiner drallen, blond gefärbten Gattin zu uns und befragt uns, ob wir ein Gefangentransport seien. Er glaube, wir hätten einen Gefangenen, der zu gefährlich sei um zu fliegen, in die Türkei überführt und würden uns nun hier noch einige Tage erholen bevor wir nach Deutschland zurückkehren.

Ja, sagt einmal, wo sind wir denn hier eigentlich gelandet? Ist das hier ein Geheimtreff für spleenige Typen? Gottlob kommt keine 5 Minuten später ein anscheinend völlig normaler Franzose, der gestern bereits über seine falschen Auffahrrampen belehrt wurde und wir brechen in herzhaftes Gelächter aus. Typen gibt es!

Wir erreichen unseren Lieblingsort Kas, an der lykischen Küste. Hier haben wir schon etliche Male zusammen mit dem Baracuda-Team unsere Köpfe unter Wasser gesteckt und wir freuen uns über ein Wiedersehen mit Therese.

Leider hat sich auch hier ziemlich viel verändert, der Ort gefällt uns zwar immer noch sehr gut, aber die Tauchbasis wurde inzwischen verkauft und aus der familiären, kleinen Gemeinschaft von früher ist eine Tauchfabrik entstanden. Nicht so unser Ding und so lassen wir das Untertauchen ausfallen. Angesichts der Tatsache, dass das rote Meer noch auf uns wartet, schmerzt es uns jedoch nicht so arg und bereits 2 Tage später ziehen wir weiter.

Überall wo wir auftauchen, werden wir freundlich begrüßt und sogleich zum Teetrinken eingeladen, unser pro Kopf Verbrauch steigt schon fast in rekordverdächtige Dimensionen, aber auch hier gibt es das eine oder andere schwarze Schaf.

An einem öffentlichen Sandstrand in Cirali beschließen wir spontan über Nacht zu verweilen und parken dazu in einer Reihe mit türkischen Pkw. Nach einem erfrischenden Bad im Meer, bauen wir im Sand einen Grill, auf dem wir ein Hähnchen knusprig braten wollen. Der Gockel ist kaum aufgespießt, da erscheint ein Mensch auf einem Fahrrad, der sich einen Zettel umgehängt hat, auf dem 2 türkische Worte aufgedruckt sind. Ganz wichtig fragt er uns mit Händen und Füßen, ob wir hier übernachten wollen und gibt uns gleichzeitig einen großen, schwarzen Müllsack, in dem wir unseren Müll sammeln sollen.

Während ich noch denke, endlich tut hier mal jemand was für die Umwelt, verlangt mein Gegenüber bereits 10 TL = 5,00 € für die Übernachtung, da wir uns an einem Strandabschnitt befinden, an den die Schildkröten zur Eiablage kommen. O.K. sagen wir, aber dann wollen wir auch eine Quittung! Dieses Ansinnen stellt den angeblichen Schildkrötenwächter nun doch vor ein größeres Problem, denn natürlich hat er keine. Die Fronten verhärten sich, eine junge Türkin wird zu Hilfe bzw. zum Übersetzen gerufen und am Ende verlieren wir das Spiel dann doch. Entweder wir zahlen oder der Wächter ruft die Polizei und sagt, dass wir schlecht zu den Schildkröten seien und außerdem sei das Grillen verboten. Unser Hähnchen möchten wir wirklich gerne fertig grillen und verspeisen, also zahlen wir zähneknirschend 10 TL und wünschen den Schildkrötenwächter zum Teufel.

Die Tage fliegen dahin, morgens sind wir zeitig unterwegs, damit wir am frühen Nachmittag in aller Ruhe einen Nachtplatz suchen können. Auffallend ist leider, dass man keine 10 Meter fahren kann, ohne über den allgegenwärtigen Müll zu stolpern. Das Umweltbewusstsein der Türken scheint gleich null zu sein, nach einem Picknick z.B. ist es an der Tagesordnung, seinen Müll an Ort und Stelle liegen zu lassen. Den nächsten stört es auch nicht weiters, denn dieser setzt sich ohne Umschweife an eben diesen Platz und lässt seinen Müll natürlich auch dort liegen. An manchen Tagen fällt es uns sehr schwer darüber hinweg zu sehen.

Ebenfalls auffallend ist der gewöhnungsbedürftige Fahrstil der Türken, ähnlich wie ein Inder, nur deutlich schlechter und mit Machogehabe. Keine besonders gute Kombination und die Mädels am Steuer setzen dem Ganzen die Krone auf. Sie scheinen nicht nur besonders unfähig, sondern müssen sich anscheinend besonders beweisen und legen einen Fahrstil wie bei der Rallye Paris – Dakar an den Tag.

Bei der Fahrt durch Antalya stehen mir die Haare zu Berge und ich stelle fest, dass ich noch gewaltig an meinem Nervenkostüm arbeiten muss bevor wir uns in die Hölle von Kairo wagen können.

Wieder einigermaßen beruhigt, hören wir ein recht beunruhigendes Geräusch von vorne rechts und fahren sogleich auf den Seitenstreifen. Beim Kontrollblick können wir zunächst nichts feststellen, doch bei der Weiterfahrt wird das Geräusch um einiges lauter und scheint in irgendeiner Form mit dem Antrieb zutun zu haben. Also wieder rechts ran, dieses Mal günstiger Weise vor einem kleinen Reifendienst, dessen Besitzer sogleich zu Hilfe eilt.

Monster wird hochgebockt und siehe da, das rechte Vorderrad wackelt, es scheint sich um das Radlager zu handeln. Nur, ist dieses Radlager nicht gerade neu? Wie dem auch sei, nachschauen müssen wir ja wenigstens mal und so schraubt Jupp zunächst die Freilaufnabe ab, um dann festzustellen, dass das Radlager zuviel Spiel hat.

Während Jupp eifrig schraubt, hat der Reifendienstbesitzer einen Monteur angerufen, der kurz nach Beendigung der Reparatur auch eintrifft. Jetzt ist natürlich erst einmal Teetrinken angesagt und währenddessen wird mit Händen und Füßen palavert. Die einzigen Worte, die der Monteur auf englisch beherrscht, lauten: „ You are beautiful“, wobei offen bleibt, ob er damit Jupp oder mich oder die Reparatur meint. Anschließend stellt er noch fest, dass wir wohl reich sein müssen, wenn wir eine solche Reise machen können, denn er könne gerade mal von Antalya nach Ankara fahren, dann wäre er pleite. Hm, wenn er es so sagt…

Zu den Füßen der Marmure Kalesi, der sog. Marmorburg, die etwas außerhalb der Stadt Anamur am südlichsten Punkt der Küste liegt, lassen wir uns einige Tage nieder. Die Burg mit ihren dicken, zinnenbewehrten Mauern, den runden Türmen und den ausgetretenen Steintreppen, mutet an wie frisch aus einem Märchenbuch entsprungen und mit ein wenig Phantasie kann man sich selbst den ein oder anderen Kreuzritter in Kettenhemd und Rüstung darin vorstellen.

Recht zügig treten wir den Weg in Richtung Syrien an, müssen aber dann doch einen Zwangsstopp einlegen, denn irgendetwas scheint mit unserer Lenkung nicht in Ordnung zu sein. Das Lenkrad steht mal etwas nach links, dann wieder nach rechts, wir wissen keinen Rat, verfügen aber dank Sabine und Burkhard (www.pistenkuh.de) und Andrea und Achim (www.paulchen-on-tour.de) über den Namen einer Werkstatt in Osmaniye. Mehmet selbst ist zwar mehr der Spezialist für Bremsen, aber wie es immer so ist, er kennt einen, der einen kennt, der einen kennt… Nach 4 Tagen, die wir neben und in Mehmets Werkstatt verbringen, in denen wir wie Freunde aufgenommen und versorgt werden, starten wir zum 2. Mal gen Syrien und erreichen die Grenze tatsächlich am Morgen des 24.09.