Syrien: Oktober 2010

Die türkischen Kinder verabschieden sich, indem sie uns in Reyhanli, kurz vor der syrischen Grenze, mit Steinen bewerfen. Sofort werden Erinnerungen an die gleiche Situation im Jahr 2005 im Grenzort Dogubayazit wach, nur dass diese kleinen Biester hier, doch tatsächlich winkend am Straßenrand stehen und erst als wir fröhlich zurückwinken, hagelt es Steine. Am meisten empört uns, dass sich die dazugehörige Mutter in keiner Weise für die Taten ihrer Sprösslinge interessiert, wofür sie von uns mit einigen Flüchen bedacht wird.

Bereits 10 Kilometer vor dem Grenzübergang beginnt ein Lkw-Stau ohne Gleichen, die Trucks stehen teilweise in 2er Reihen nebeneinander. Dort werden wir uns auf keinen Fall einreihen und düsen ganz locker an der Schlange vorbei bis ganz vorne an ein eisernes Tor.

Die türkische Seite ist recht schnell abgehandelt, das eigentliche Chaos beginnt erst auf der syrischen. Arabische Schriftzeichen, lange Menschenschlangen vor irgendwelchen Schaltern, mehr zufällig stehen wir irgendwie richtig und unsere Ausweise landen auf einem Stapel anderer. Zuerst werden die Pässe genauestens inspiziert, ob sich auch bloß nicht irgendwo ein israelischer Einreisestempel verbirgt, dann wird jeder zur Gesichtskontrolle namentlich aufgerufen und erst dann bekommen wir den heiß begehrten Stempel.

Das war der einfache Teil, nun ist Monster an der Reihe und dieser trifft auf erbitterten Widerstand. Wie der geübte Blick des Zöllners sogleich erkennt, ist Monster ein Lkw und Lkws erhalten als Touristenfahrzeug keine Einfuhrgenehmigung. Häh? Das haben wir doch noch nie gehört, unzählige andere Traveller sind bekanntermaßen auch schon nach Syrien eingereist, was soll das denn nun? Der eiligst herbeigeeilte, amtlich bestellte Touristen-Grenzhelfer erklärt uns, das sei rechtens, doch er habe einen guten Draht zum Chef und wir sollen uns keine Sorgen machen.

Wir traben alle ins Allerheiligste und es folgt eine heftige Diskussion zwischen Zöllner und Chef, dem es zwar auch einleuchtet, dass Monster ein Lkw ist, aber eben auch ein Wohnmobil. Nach einigem Hin und Herr scheint schlussendlich das Grundgesetz Nr. 1 zu greifen, das da lautet: a.) Der Chef hat immer recht. b.) Sollte der Chef einmal kein Recht haben, tritt automatisch Gesetz 1 in Kraft….So sei es! Dass das Carnet im Endeffekt auf der falschen Seite abgestempelt wird, wird hoffentlich daran liegen, dass die Araber von rechts nach links lesen und damit auch bei der Ausreise keine Rolle spielen.

Wie quartieren uns kurz vor Aleppo auf einem Campingplatz ein und fahren mit einer Art Sammeltaxi in die Stadt, was sich im Nachhinein als glückliche Entscheidung entpuppt, denn uns erwartet ein Verkehrschaos sondern gleichen. Das arabische Fahrverhalten scheint keinerlei Konventionen zu unterliegen, jeder fährt wie es im passt und das auch noch in einer affenartigen Geschwindigkeit. In Indien galt zumindest irgendwie noch die Größenregelung, also 1 Bus, 2 Lkw, 3 Pkw usw. aber hier?? Während wir so dahin fliegen, stehen uns die Haare zu Berge, aber das nicht nur vom Fahrstil, sondern auch von dem Umweltverhalten der Menschen.
Ein kleines Wäldchen mutet an wie ein Müllwald, denn sämtliche Bäume sind mit einer Unzahl von Plastiktüten dekoriert, vom Boden ganz zu schweigen. Ich bin ziemlich schockiert, war bisher noch Peru mein Müll-Highlight, muss ich diese Meinung hier völlig neu überdenken.

Nach anfänglichen Orientierungsschwierigkeiten tauchen wir im malerischen Altstadt-Suq in die einzigartige Atmosphäre des Orients ein, zwischen Packeseln und Maultieren drängen sich die Menschen, während die Händler rauchend vor ihren kleinen Läden sitzen, diskutieren und auf Kunden warten.

Die Gassen sind sortiert nach Warenangebot, in einer gibt es die Gemüsehändler, in der nächsten Haushaltswaren und auch die Handwerker sind nach Berufen geordnet. Allein die Standorte der einzelnen Gassen, also wer ist jetzt wo, bleiben uns noch verborgen.

Schließlich treffen wir im Norden des Suqs, kurz nach Stoffen, Leder und Metallgeräten auf die große Moschee. Nachdem ich in einem langen Umhang verpackt bin, ein recht lustiger Anblick mit Rucksack darunter, dürfen wir die Omaijaden-Moschee auf nackten Füßen betreten. In einem kleinen Schrein wird das Haupt des Zacharias, des Vaters von Johannes dem Täufer, aufbewahrt, das auf wunderbare Weise einen Brand überstanden hat und seitdem als authentisch gilt. Zum Abschluss genießen wir von der Zitadelle (Burg) die Aussicht über die Stadt bevor wir, in der Obhut eines weiteren Michael Schumacher, zum Campingplatz zurückkehren.

Nach dem Besuch des Simeonsklosters,Qala'at Samaan, am nächsten Tag, haben wir für den Moment genug alte Steine gesehen und beschließen spontan in Richtung Osten abzubiegen. Doch zuvor gilt es erst einmal Monsters Tank zu befüllen, denn der türkische Dieselpreis von 1.55 €/ L hat uns davon abgehalten. Wir steuern also eine Tankstelle an, drücken dem Tankwart 6000 syrische Pfund, was in etwa 100,00 € entspricht, in die Hand und erwarten, dafür 300 L Diesel zu bekommen. Vorsichtshalber kontrollieren wir den Stand der Zapfsäule und erzählen dem Tankwart, in Bulgarien habe man versucht uns zu betrügen. Dieser zeigt sich höchst empört und versichert uns, so etwas käme in Syrien niemals vor.

Keine 5 Minuten später stoppt der gleiche Tankwart unsere Dieselzufuhr bereits bei 220 Litern und wendet sich einem anderen Kunden zu. Wir sind fassungslos, das kann dieser Kerl doch gar nicht ernst meinen. Es folgt ein lauter Protest und eine kurze Diskussion, gefolgt von einem müden Erklärungsversuch des Tankwarts. Angeblich habe ihn die Sonne geblendet und so habe er die Zahlen auf der Säule nicht richtig erkennen können. Weitere 74 Liter finden den Weg in unseren Tank, die restlichen ausstehenden 6 Liter fallen anscheinend wieder der Sonne anheim.

Von Resafa (Rasafeh), das byzantinische Sergiopolis, haben wir uns eine Route notiert, die uns jenseits gepflasterter Wege zu einem Wüstenschloss führen soll, was sich zunächst auch ganz positiv anlässt. Munter fahren wir drauf los bis uns ein einsames Dorf völlig aus dem Konzept bringt, denn hier führen unzählige Spuren in alle möglichen Richtungen nur nicht in die, die das GPS anzeigt.

Wir entscheiden uns schließlich für eine Spur, die vage in Zielrichtung zeigt und folgen dieser für etliche Kilometer. Die Gegend wird immer karger, kein Haus, kein Strauch, aber dafür dann eine Abbruchkante, an der ein steiler Weg in ein Tal führt. Dort sollen wir hinein? So ganz alleine inmitten von Nowhere verlässt uns nun doch der Mut und etwas missmutig treten wir den Rückzug Richtung Asphalt an. Dort wissen wir zwar immer noch nicht, wo genau wir uns befinden, aber eine Straße, wenn auch noch so klein, wird ja wohl irgendwohin führen, gell?

Im Endeffekt führt sie uns dann doch zu dem gewünschten Qasr al Hayr ash Sharqi und zu einer ziemlichen Enttäuschung, denn der Übernachtungsplatz zwischen den Lehmmauern ist zwar recht malerisch, aber ansonsten gibt dieses östliche Wildgehege-Schloss nicht viel her. Da stellt sich Palmyra, Oase und Ruinenstätte (Unesco-Weltkulturerbe) zugleich, ganz anders dar.

Wir Kulturbanausen wandeln den ganzen Tag zwischen den Säulen und Tempeln umher und lassen uns zur Nacht an der hoch gelegenen Zitadelle nieder. Zum Sonnenuntergang werden zwar ganz Touristenladungen ebenfalls hierher gekarrt, aber nach Einbruch der Dunkelheit sind wir völlig allein und das bleibt auch so als morgens die ersten Sonnenstrahlen die Ruinen in goldenes Licht tauchen.

Über Hama, wo wir uns die riesigen hölzernen Wasserräder (Norias), die teilweise bis zu 500 Jahre alt sind, anschauen, kurven wir auf einer reizvollen Strecke zur Kreuzritterburg Crak de Chevalier. Auf dem dortigen Stellplatz an einem Hotel in unmittelbarer Nähe zur Burg treffen wir auf eine Truppe Holländer, bestehend aus 12 Wohnmobilen und 1 Wohnwagen, die an einer geführten Tour durch Syrien und Jordanien teilnehmen.

Zur Besichtigung der imposantesten Burg des Orients schließen wir uns am nächsten Morgen einer Gruppe Amerikaner an. Der syrische Reiseführer macht seine Arbeit wirklich gut, aber die Kommentare der anderen Teilnehmer, eine ältere Dame stößt tatsächlich ständige Wow-Rufe aus, unterstützt mal wieder unsere Meinung über dieselben.

Am Samstagmorgen erreichen wir Damaskus und verfranzen uns bei der Suche nach dem Campingplatz ziemlich gründlich. Nicht, dass wir keine genaue Anfahrtsbeschreibung gehabt hätten, nein, wir verpassen schlicht und ergreifend die Ausfahrt und damit beginnt das Dilemma.
Wir verlassen die Autobahn um in der Gegenrichtung wieder aufzufahren, rein theoretisch ein hübscher Gedanke, doch leider sind die Unterführungen um auf die andere Seite zu gelangen, nicht Monster geeignet, sprich einfach zu niedrig. Dazu kommt ein chaotisches Verkehrsaufkommen mit selbstherrlichen Macho-Typen hinter den Lenkrädern, die uns das Leben auch nicht unbedingt leichter machen.
Erst als wir ein gutes Stück des Weges komplett nochmals zurückfahren, gelingt die Zufahrt zum Camping dann doch noch und von dort kann uns selbst der recht hohe Preis von 900 SP nicht wieder vertreiben.

Erst am nächsten Tag teilen wir uns mit einem weiteren holländischen Ehepaar ein Taxi in die Stadt, die der Prophet Mohammed angeblich nicht betreten hat, da Gläubige nur ein einziges Mal ins Paradies eintreten dürfen. Eine weitere Omaijaden-Moschee ist unser Ziel und die Atmosphäre in dieser zieht uns in ihren Bann, denn sie dient nicht nur als eine Gebetsstätte, sondern zugleich auch als Lern- und Ruheraum oder zur Meditation oder etwas zum Schlafen.

Unser Besuch in Syrien neigt sich dem Ende entgegen, kurz vor der Grenze steht nur noch die antike Stadt Bosra mit seinem römischen Theater auf unserem Programm. Irgendwie wundert es uns kaum noch, dass wir bei unserer Ankunft wieder auf die holländische Reisegruppe treffen und da es so schön praktisch ist, mischen wir uns einfach unter sie. Leider mit einem negativen Ergebnis, denn im Laufe des Tages finden sich noch 4 weitere Wohnmobile auf dem öffentlichen Platz vor dem Theater ein und das ist dem obersten Polizeichef nun eindeutig zu viel. Alle Beteiligten müssen das Feld räumen. Während die Holländer auf einen Parkplatz vor der großen Moschee umgelagert werden, geleitet man uns, zusammen mit einem österreichischen und einem weiteren deutschen Mobil in eine ruhige Seitengasse, in der wir die Nacht unbehelligt verbringen können bevor wir morgens Richtung Grenzübergang starten.