Sudan: November 2010

Sudan – wir betreten ein Land, von dem ein ehemaliger amerikanischer Präsident als die Achse des Bösen spricht. Ein sog. Schurkenstaat? Wir sehen Männer im weißen Kaftan mit Turban auf dem Kopf und langem, schwarzen Bart, sind sie das? Die Schurken, die in diesem Staat leben? Unter dem Einfluss der Medien stehend, sind wir recht unsicher, aber gleichzeitig auch sehr gespannt, was uns hier erwartet.

Neben wunderbaren Übernachtungsplätzen in der Wüste, zunächst einmal jede Menge Bürokratie, denn obwohl wir bereits ein Visum und auch einen Einreisestempel besitzen, müssen wir uns innerhalb von 3 Tagen bei einer Immigrationsbehörde registrieren lassen.

Pflichtbewusst erledigen wir dieses gleich am 1. Morgen in Wadi Halfa und erleben die volle Bandbreite der sudanesischen Arbeitsweise. In Büro 1 im Hauptgebäude bekommen wir nach kurzer Wartezeit, die Damen haben gerade Kaffeepause, ein Formular, welches auszufüllen ist. Mit diesem Formular, einem Passfoto und je einer Pass- und einer Visakopie müssen wir zu einem Schalter ebenfalls im Hauptgebäude. Das Formular wird abgestempelt, wir erhalten alle Papiere zurück und sollen damit zum Chef, der sich irgendwo in einem Nebengebäude befindet. Der Chef unterschreibt, wir bekommen alles wieder zurück, und müssen in ein weiteres Büro. Hier werden nun alle Papiere zusammengeheftet, wir bezahlen 100 sudanesische Pfund ca.25 €, die Papiere werden mit einer Art Briefmarken beklebt und an uns zurückgegeben.
Zurück zu Büro 1 im Hauptgebäude, ein kleiner grüner Zettel wird in unsere Pässe geklebt, wir zahlen weitere 3 Pfund und erhalten die gesammelten Papiere wieder zurück. Abermals müssen wir ins Nebengebäude zum Chef, der nun den kleinen grünen Zettel unterschreibt. Anschließend kehren wir, ja genau, zu Büro 1 zurück, geben den ganzen Wust Papierkram ab, unsere Namen werden in ein großes Buch eingetragen, die Unterschrift des Chefs nochmals kontrolliert und nach kaum 2 Stunden sind wir auch schon fertig mit der Registrierung. Übrigens überaus freundlich, korrekt und ohne einen einzigen Schurken getroffen zu haben.

Der nächste Fall von Bürokratie ereilt uns in Abri, einer kleinen Ortschaft am Ufer des Nils. Wir schlendern ganz gemütlich durch die Straßen, erledigen einige Einkäufe auf dem Markt und kehren nach einiger Zeit zu Monster zurück. Dort erwarten uns zwei Herren, die in einem Pkw sitzen und uns durch die heruntergekurbelten Seitenfenster ansprechen. Sie seien von der Geheimpolizei und wollen nun unsere Pässe samt Visum und Registrierung sehen. Hach, dass wir nicht lauthals beginnen zu lachen, können wir uns gerade noch verkneifen, aber ernst können wir die Jungs beim besten Willen nicht nehmen. Unser Kommentar: Da könnte doch glatt jeder daherlaufen und behaupten, er sei von der Polizei und wo denn sein Ausweis wäre? Hm, betretenes Schweigen, einen Ausweis hat der Knabe anscheinend nicht, doch dann kommt ihm eine Erleuchtung und er zeigt uns strahlend sein Funkgerät. Wenn das nicht Beweis genug ist!!

Weiter geht es auf der Westseite des Nils, vorüber an kleinen Dörfern und alten Tempeln bis nach Karima. Dort locken uns gleich mehrere Sehenswürdigkeiten, die dem gesamten Gebiet den Status des Unesco Weltkulturerbes bescherten. Da ist der Jebel Barkal, ein Tafelberg mit einigen Pyramiden und einem Tempelkomplex, in Nuri die größten Pyramiden des Sudans und in El Kurru 2 Zwillingsgräber mit wundervoller Bemalung. Über eine staubige, sandige Piste am Ufer des Nils entlang fahren wir zunächst zu den Gräbern und sind schon von der Fahrt alleine ganz begeistert. In dem kleinen Dorf angekommen, umringen uns sogleich einige Kindern und weisen uns den Weg. An den Gräbern erwartet uns ein recht betagter Wächter, der, bewaffnet mit einer Taschenlampe, gleich mal 100 Pfund Eintrittsgeld verlangt. Wir denken, wir haben uns verhört. 25,00 €!!! Der spinnt wohl?! Alles Verhandeln ist zwecklos, der Alte beharrt auf seinen 100 Pfund, hat aber wahrscheinlich noch keine Bekanntschaft mit deutscher Dickköpfigkeit gemacht. Nach einem letzten, erfolglosen Schlichtungsversuch, drehen wir uns auf dem Absatz um und kehren zu Monster zurück. Phh, dieser Schurke kann seine Gräber und Malereien behalten!

Über Atbara sind wir recht flott unterwegs, denn die touristischen Highlights des Sudan beschränken sich auf wenige Stellen. Eine davon ist der alte königliche Friedhof von Begrawiya, umgeben von orangefarbenen Dünen. Wir verbringen die Nacht in dieser wunderbaren Atmosphäre und haben die Pyramiden von Meroe völlig für uns alleine.

Nach einem weiteren Abstecher in die Wüste, zu den Tempeln von Naga und Musawarat, erreichen wir die Hauptstadt Khartoum und statten zuerst dem Blue Nile Sailing Club einen Besuch ab. Irgendwie habe ich mir unter diesem Namen einen grünen Platz am Ufer des Nils vorgestellt und dementsprechend bin ich beim Anblick des staubigen, heruntergekommenen Geländes doch leicht enttäuscht. Wir treffen einige der Mitreisenden von der Fähre wieder, nutzen schnell die drahtlose Internetverbindung und beschließen dann, der anderen Campingmöglichkeit im Süden der Stadt wenigstens einen Blick zu gönnen. Auf dem Weg dorthin, mitten durch die Stadt - umgeben von chaotischen Verkehrsverhältnissen, die niemanden mehr verwundern -passieren wir ein großes Shoppingcenter und tauchen dort in eine völlig andere Welt ein. Obwohl die Preise alles andere als günstig sind, macht es richtig Spaß mal wieder an den Regalen vorbeizuschlendern und in Konserven zu wühlen.

Das National Camping Reserve gefällt uns um einiges besser, wozu nicht zuletzt die Versorgung mit 220 V beiträgt, denn so können wir unsere Klimaanlage laufen lassen und die Temperaturen um 36° Grad recht gut ertragen. Mit unserer Wifi-Aussenantenne finden wir tatsächlich ein ungesichertes Netzwerk, in dem wir zumindest während der Geschäftszeiten herumsurfen können.

Die Tage gehen dahin, wir waschen unsere Wäsche, bringen Monster wieder auf Vordermann und beobachten eine Cateringfirma, die auf dem Nebenplatz ein großes Zelt nebst Bestuhlung aufbaut. Aha, denken wir, es gibt ein großes Fest, das kann ja heiter werden. Nicht so heiter finden wir dann, dass diese Jungs solange am Stromverteiler herumbasteln, bis unsere Stromversorgung dahin ist. Oh nein, bitte nicht ohne Klima! Der Manager muss kommen, lange Kabel werden in andere Teile des Campings verlegt, am Ende gibt es zwar wieder Strom, aber mit solchen Schwankungen, dass wir um das Leben unserer Klimaanlage fürchten. So geht es nicht! Ein Elektriker muss her, der nun seinerseits am Verteiler herumfummelt, was natürlich Juppis Aufmerksamkeit erregt. Es dauert gar nicht lange, marschiert dieser, mit seinem Spannungsmesser bewaffnet, ebenfalls in Richtung Verteiler und nun wird gemeinschaftlich repariert und die Spannung gemessen. Jupp mit seinem Messgerät, das 235 V anzeigt, der Elektriker mittels einer Fassung, einer Glühbirne und zwei Drähten, deren Ende er in die Steckdose steckt. Siehe da, die Birne leuchtet, also folgert er, aus der Steckdose kommt 220 V und Jupps Messgerät ist defekt. Aber nicht nur diese Aussage sorgt für Fassungslosigkeit bei Jupp, sondern die weitere Erklärung, dass bei 235 V alle Neonröhren explodieren würden! Zu dem Fest, das am folgenden Abend stattfinden soll, erscheint übrigens kein einziger Gast!

Am Freitagnachmittag mieten wir ein Taxi und fahren nach Omdurman zum wöchentlich stattfindenden Tanz der Derwische. Unterwegs macht der Taxifahrer so eine Art Sightseeing mit uns: „Das ist das Afra-Shoppingcenter, das ist das Nationalmuseum, das ist eine Einbahnstrasse und das ist eine andere Straße!“
Der Tanz der Derwische, der Halgt Zikr, vor der Hamed el-Nil Moschee ist ein besonderes Erlebnis. Die zum Teil bunt gekleideten Männer tanzen sich in einen tranceartigen Zustand, der sie Allah näher bringen soll.

Auf dem Rückweg haben wir nochmals ein lustiges Erlebnis mit dem Taxifahrer, der uns zu einem indischen Restaurant in Khartoum 2 fahren soll, jedoch irgendwo an einem Restaurant anhält. Auf unsere Frage, ob dieses das indische Restaurant ist, bekommen wir die Antwort, nein, aber es wäre auch ein gutes Restaurant!

Am Montagmorgen brechen wir zeitig auf und erreichen die Grenze nach Äthiopien bereits um 9.00 Uhr am nächsten Morgen. Auch hier nimmt die Prozedur wieder etliche Zeit in Anspruch, läuft aber ansonsten völlig korrekt ab. Überhaupt können wir uns nicht beklagen, keinen einzigen Schurken haben wir getroffen, ganz im Gegenteil. Wir wurden überall sehr freundlich und höflich behandelt und nirgendwo hat man versucht, uns zu betrügen. Selbst beim Einkauf auf den Märkten sagte man uns, wie selbstverständlich den lokalen Preis und nicht den fünffachen wie vielfach in Ägypten geschehen. Wir haben den Sudan als ein Land mit sehr gastfreundlichen Menschen erlebt und würden jederzeit gerne hierher zurückkehren.