Ägypten/Sudan: November 2010

Von Safaga fahren wir über El Quesir und Marsa Alam am roten Meer entlang und können uns unterwegs nur wundern. Dort, wo es vor wenigen Jahren nur Wüstensand und einige Militärposten gab, steht heute ein Luxushotel neben dem anderen und längst lesen wir auf den Reklametafeln keine arabischen oder englischen Schriftzeichen mehr, sondern russische. Vorbei die Zeiten, wo wir zum Tauchen in ein militärisches Sperrgebiet fuhren und an einem Polizeiposten, 6 Stunden in der Sonne bratend, auf die Genehmigung warten mussten. Heute begrüßen uns die zahlreichen Militärkontrollposten per Handschlag, niemand interessiert sich für unsere Ausweise und höchstens in Ausnahmefällen werden wir nach dem ägyptischen Fahrzeugschein befragt. So ändern sich die Zeiten!

Vielleicht liegt es daran, dass uns die Fahrt durch die einsame Wüstenlandschaft zwischen Marsa Alam und Edfu unglaublich gut gefällt und fast bedauern wir, dass wir bereits am Donnerstag in Assuan sein müssen. Etwas entschädigt uns dafür der wunderschöne Stellplatz oberhalb des Nils, denn der altbekannte Travellertreff in Adams Home ist leider auf unbestimmte Zeit geschlossen. 

Eine Einreise in den Sudan ist auf dem Landweg leider nicht möglich, sondern man muss den beschwerlichen Weg über den Nasser Stausee wählen.
Nicht die eigentliche Fahrt ist das unangenehme, nein, die ganze Prozedur ist es. Ein Mal in der Woche, immer montags, geht eine Personenfähre, die jedoch keine Fahrzeuge transportiert. Diese müssen separat auf ein Ponton oder Cargoschiff verladen werden, welche für die Überfahrt einen Tag länger unterwegs sind und somit eine Hotelübernachtung in Wadi Halfa nötig macht. Am Samstag nun ist der große Tag, denn obwohl wir eine schriftliche Bestätigung unserer Fährbuchung haben, gilt es im Büro von Herrn Salah tatsächlich auch ein Ticket zu ergattern.

Jupp findet sich bereits morgens um 8.00 Uhr dort ein. An sich keine schlechte Idee, denn kurz nach ihm trudeln nach und nach 20 weitere Fahrzeugbesitzer ein, die alle in den Sudan verschiffen wollen. Leider ist der einzige, der vorläufig nicht auftaucht, der allmächtige Mister Salah und es macht sich eine gewissen Unruhe unter den Reisewilligen breit.

Endlich, um 9.30 Uhr erscheint der große Massa und versetzt Jupp gleich mal in Aufruhr, denn er möchte Monster sehen. Also muss mein Angetrauter zunächst zu mir zurück und rast anschließend wie von der Tarantel gestochen samt Monster wieder zu Salah. Dieser inspiziert und misst Monsters Länge und dann ist alles gut, uff, wir scheinen mit zukommen.

Der nächste Weg führt ans andere Ende der Stadt zum Traffic Court, wo wir eine Bescheinigung besorgen müssen, die besagt, dass Monster weder in einen Unfall noch sonst wie in eine Straftat verwickelt war. Das Gebäude und die Büros muten an wie ein Rohbau, es herrscht ein heilloses Durcheinander und wenn jemand eine Tür öffnet, fliegen alle Zettel, die auf den Schreibtischen liegen, auf den Boden. Wir fragen uns, auf welchen übersinnlichen Wegen die Leute hier feststellen, dass Monster in Ägypten keinen Schaden angerichtet hat. Auch hier trudeln nach und nach die anderen Reisenden ein und wir werden alle auf den Nachmittag vertröstet, erst um 16.00 Uhr sollen wir die heiß begehrten Atteste bekommen.

Warum dass so ist, ist mal wieder ein typischer Aufreger. Wie uns ein Mitarbeiter erzählt, hat die zuständige Behörde einen neuen Chef bekommen, der es sich zum Hobby gemacht hat, die Touristen zu schikanieren, denn die Bescheinigung ist bereits nach wenigen Minuten ausgestellt und könnte direkt mitgenommen werden. Also verbringen wir die Zeit mit warten: „sit and wait“ lautet das Motto. Endlich um 14.00 Uhr zeigt sich der Chef doch noch etwas einsichtig und wir dürfen, schön brav einer nach dem anderen, die Genehmigung abholen.
Es geht zurück in Salahs Büro und ja, hier ist erst einmal „sit and wait“ angesagt bevor der Ticketverkauf beginnt. Wider Erwarten können wir nun doch ein Ticket für eine Kabine bekommen und zu unserer Freude erfahren wir, dass das Ponton mit den Autos bereits am Sonntag ablegen soll.

Hossa, keine Hotelübernachtung im Sudan, Assuan mit seinem zahlreichen Angebot erscheint uns weit reizvoller. Nach einer weiteren Runde „sit and wait“ erklärt Salah den Prozess für den nächsten Tag und am Nachmittag um 16.00 Uhr sind wir für heute entlassen.
Sonntagmorgen 11.00 Uhr allgemeines Antreten bei der Touristenpolizei, bei der wir unsere ägyptischen Nummernschilder und den Fahrzeugschein wieder abgeben sollen. Nach 2 Stunden „sit and wait“, Abgabe der Papiere, weiteres „sit and wait“, denn es muss für die Fahrt zum Hafen ein Konvoi gebildet werden, da nun alle Fahrzeuge nicht mehr zugelassen sind. Dort angekommen, ihr ahnt es bereits, weitere 3 Stunden „sit and wait“ auf dem schattenlosen Gelände vor der Hafeneinfahrt. Worauf wir hier warten, weiß niemand so genau, doch am Ende muss jeder, der das Hafengelände betreten will, 10 LE bezahlen und endlich geht es weiter. Leider nur bis auf die andere Seite der Hafeneinfahrt und wieder werden wir gestoppt. Angeblich soll hier die Zollinspektion der Fahrzeuge erfolgen und nun machen auch die 3 Stunden „sit and wait“ einen Sinn, denn man sagt uns klar und deutlich, wenn wir nicht noch einmal 10 LE Bakschisch bezahlen, müssen wir weitere 2 Stunden in der Sonne braten.

Unmut macht sich breit, einige weigern sich zu zahlen, andere sind es einfach leid und zücken 10 LE damit es endlich voran geht. Schlussendlich geht es doch weiter, wir werden abermals von hott nach hüh geschickt, landen zur Carnetabfertigung vor einem voll zugekifften Zöllner und können kurz vor Einbruch der Dunkelheit endlich auf das Ponton fahren. Alhamdulallah!!!

Am Montag um die Mittagszeit, nach einer Horrortaxifahrt mit einem ebenfalls bekifften Fahrer (er singt Kinderlieder, klatscht dazu in die Hände, versucht sich auf dem Fahrersitz im Kreis zu drehen und vergisst dabei völlig, dass man während einer Autofahrt wenigstens 1 Hand am Lenkrad und ab und zu ein Auge auf die Straße haben sollte), finden wir uns wieder am Hafen ein. Der Oberzöllner ist zwar schon wieder völlig stoned, aber die Ausreiseformalitäten gehen dieses Mal recht zügig vonstatten und wir können unsere Kabine auf der Fähre beziehen.

Habe ich von 1.Klasse Kabine gesprochen? Ich weiß nicht, als was ich diesen Raum mit dem Etagenbett bezeichnen soll, aber jedes Bahnhofsklo ist sauberer. Der Gestank aus Diesel und Kloake schlägt mir gleich so auf den Magen, dass ich für den Rest des Tages die Nahrungsaufnahme verweigere und mich nur noch auf Deck aufhalte. Dabei haben wir noch unheimliches Glück, denn aufgrund des Opferfestes, Eid al Adha, ist die Fähre in der vorigen Woche ausgefallen und alle sudanesischen Händler anscheinend bei ihren Familien geblieben. Diesem Umstand verdanken wir es, dass wir uns auf dem Deck bewegen, sitzen und sogar liegen können, denn normalerweise ist der Kutter mit Waren aller Art völlig überladen und kein Millimeterchen Platz mehr. Ich mag mir gar nicht ausmalen, in welchem Zustand sich die Toiletten bei einer vollen Fähre befinden, denn bereits heute minimiere ich meine Besuche dort auf ein unvermeidliches Minimum mit angehaltenem Atem und halb geschlossenen Augen.

Wie auch immer, auch diese Nacht geht vorüber und wir erreichen zusammen mit dem Autoponton den Anleger von Wadi Halfa. Was nun in punkto Zollabfertigung abläuft, ist unvorstellbar, denn alle Reisenden müssen sich im Speisesaal der Fähre einfinden, 2 verschiedene Zettel in doppelter Ausführung ausfüllen und bekommen dann ihren Einreisestempel. Jeder kann sich lebhaft vorstellen, was passiert, wenn dort wo normalerweise 20 Leute Platz finden, sich nun 60 Menschen gleichzeitig tummeln. Auch dieses Chaos bringen wir erfolgreich hinter uns, zwar ziemlich erschöpft, aber überglücklich können wir der „ Hells ferry“ endlich entrinnen und werden am Kai von Magdi, einem Zollhelfer, in Empfang genommen. Auch zwei weitere Runden „sit and wait“ bis alle Fahrzeuge abgeladen und eingeführt sind, können uns nun nicht mehr erschüttern und endlich um 16.00 Uhr befahren wir sudanesischen Boden. Nochmals im Konvoi geht es zu Magdis Büro. Hier sammeln wir die erste Erfahrung mit sudanesischer Logik, denn Magdi will für seine Bemühungen selbstverständlich bezahlt werden und macht folgende Rechnung auf: Die Einfuhr eines Jeeps kostet 40 $US, ein Lkw, der ja soviel größer ist, kostet 60 $US. O.K. macht Sinn, aber dann: ein Moped kostet auch 40 $US! Begründung: der Arbeitsaufwand für den Papierkram ist ja genau so hoch! Tja, da hat wohl jeder so seine eigene Logik.

Abschließend bleibt nur zu sagen, dass die Überfahrt auf diesem total verdreckten Kahn in keiner Weise Freude macht, aber ein notwendiges Übel ist, denn wenn einer eine Reise tut, dann will er was erleben, oder?