Türkei: Oktober 2017

Hos Geldiniz, so heißt uns der türkische Zöllner überaus freundlich willkommen. Überhaupt ist die ganze Grenzprozedur recht schnell erledigt. Ziemlich dreist fahren wir an der ganzen wartenden Lkw-Kolone vorbei, direkt bis an ein Zollhäuschen. Dort sitzt ein alter Grieche, der aber als EU-Mitglied überhaupt nichts von uns wissen will und schon mogeln wir uns an der nächsten Lkw- Schlange vorüber. Der nächste Stopp ist ein türkisches Zollhäuschen und oben genannter Zöllner. Die Pässe werden gestempelt, der Rauschgifthund erledigt seinen Job, indem er Monster ausgiebig von außen beschnüffelt und sein Herrchen wirft einen kurzen Blick in das Innere unseres Heims. Jetzt noch Monsters Papiere und die grüne Versicherungskarte und das war‘s auch schon.

 

Istanbul lassen wir dieses Mal links liegen, zu oft haben wir uns dort schon herumgetrieben, und so biegen wir ab in Richtung Marmarameer. In Gallipolli haben wir richtig Glück und huschen gerade noch auf die Fähre.

 

Entlang der Küste wollen wir bis nach Bergama, dem einstigen Pergamon, legen aber einen Stopp in Ayvalik ein. Wir bummeln durch den kleinen Hafen und das Basarviertel und tun einen kleinen Frisiersalon auf, denn Jupps Haarpracht hat mal wieder einen Schnitt nötig. Schnell sitzt er ummantelt im Stuhl, als der Friseur seines Vertrauens erkennt, dass wir aus Deutschland stammen. Laut sag er:„ Merkel!“ und zeigt dabei mit dem Daumen nach unten. Mein Göttergatte kann eine bissige Bemerkung gerade noch herunterschlucken, aber ein „Merkel gut!“ mit dem dazugehörigen positiven Daumenzeichen muss trotzdem noch raus. Der Friseur schaut etwas grimmig, setzt den Haarschneider an und schlägt eine Schneise auf Juppis Hinterkopf. Oh no, das Haar ist ab! Nun denn, es geht noch ein bisschen so weiter, nicht nur die Haare fallen dem rabiaten Friseur zum Opfer, anschließend brennt er mit einem Feuerzeug die Ohrenhaare ab und malträtiert den ganzen Kopfbereich. Kinder, das hätte ich mal machen sollen... Na ja, um dieser ganzen Aktion doch noch einen positiven Aspekt abzugewinnen, die nächsten drei Monate brauchen wir keinen Menschen mehr der Haarschneidezunft.

 

In Bergama parken wir direkt neben der roten Halle. Dieser, aus roten Ziegeln, erbaute Tempel diente wahrscheinlich der Verehrung einiger ägyptischer Götter und ursprünglich war die ganze Unterseite mit Marmor verkleidet. Soviel zur Geschichte...

Der eigentliche Plan, noch einige Zeit an der Küste zu verbringen, fällt dem kalten Wind zum Opfer. Ca 50 Kilometer vor Izmir biegen wir ins Landesinnere ab und landen auf einem Picknickplatz kurz hinter Menemen. Heute ist Sonntag und wie zu erwarten, ist der Teufel los. Die Teekessel dampfen und es wird gegrillt was das Zeug hält. Während wir noch nach einem geeigneten Plätzchen für Monster schauen, reicht man uns schon die ersten Teller mit Fleisch, Gemüse und Brot durchs Fenster. Nachdem wir geparkt haben, folgt der Nachtisch in Form von Obst und es dauert gar nicht lange, da schleppt ein junges Päärchen einen älteren Herrn zu uns herüber. Dieser hat bis 1990 in Deutschland gelebt und spricht noch ganz passabel deutsch. Schnell folgt eine Einladung zum Tee, gefolgt von Kuchen, einem kleinen Geschenk und etwas Honig fürs Frühstück.Gerne sollen wir mit ihnen nach Hause kommen um dort zu übernachten. Als wir dieses dankend ablehnen, werden wir für alle Fälle noch mit ihrer Telefonnummer versorgt, unglaublich die Gastfreundschaft der Türken kennt wirklich keine Grenzen.

 

Dass diese auch eine andere Seite haben, bemerken wir auf der Fahrt durch Konya. Der Fahrstil der anderen Verkehrsteilnehmer ist wirklich haarsträubend und dabei ist das Abbiegen ohne Blinker eine der harmlosen Varianten. Da wird mitten auf der Straße gestoppt, um Oma mal eben aussteigen zu lassen oder auch schon mal rechts überholt. Vor einer Ampel quetscht man sich über den Bürgersteig an uns vorbei, doch die Krönung ist ein Lkw, der mitten im Kreisverkehr rückwärts fährt, weil er seine Ausfahrt verpasst hat. Uns stehen bereits die Haare zu Berge, aber die Jungs hier, die balancieren währenddessen noch ganz locker ihren Tee in der rechten Hand. Das kommt auch schon mal auf der Autobahn vor, also was regen wir uns auf??

 

Zum Ausgleich gibt es in Konya einen echten Wohnmobil-Stellplatz, der von der Gemeinde betrieben wird. Es gibt Strom, Wasser, Duschen, Toiletten, Tische und Bänke und das ganze für umsonst. Okay, es ist nicht so ganz leise unmittelbar neben einem großen Kreisverkehr, aber wofür gibt es schließlich Ohrstöpsel, gell?

 

 

 

 

Obwohl 2005 schon besucht, möchten wir nochmals nach Kappadokien. Diese einmalige Landschaft hat uns damals in ihren Bann gezogen also nix wie hin.

 

Bereits in Uchisar biegen wir jedoch falsch ab und brauchen alle Überzeugungskraft um Monster durch das kleine Dorf zu bewegen. Die schmalen Straßen aus Kopfsteinplaster, die auch noch immer enger werden, bergauf, bergab, das alles behagt unserem Schätzchen so gar nicht. Um ehrlich zu sein, dem Fahrer auch nicht und wir sind froh, ohne Blessuren wieder auf der Hauptstraße anzukommen. Jetzt aber ohne weitere Experimente zum Kaya-Camping, auf dem wir 2005 Jupps unbekannten Verwandten getroffen haben. Heute bietet sich ein ganz anderes Bild als damals, der Platz liegt ziemlich verwaist, ein einziges Wohnmobil hat sich häuslich eingerichtet. Auch egal, wir bleiben trotzdem. Zum Glück, denn kaum 2 Stunden später trudeln Ute und Holger mit ihrem Mercedes 1217 ein. Die Freude ist groß, wir verbringen einige tolle Tage miteinander. Im Endeffekt sogar einen Tag mehr als geplant, da wir dringend einige Anfälle von Zipperlein bekämpfen müssen. Ute hat Hüsterchen, Juppi klagt über Halsschmerzen, meinem Rücken geht es sowieso nicht gut und Holger opfert sich einfach. Einvernehmlich scheint ein Grog die richtige Medizin zu sein, folglich braut Ute Holundertee, wir steuern den Strohrum bei und schon geht es uns allen besser. Allerdings nur bis zum nächsten Morgen, beim Marktbesuch in Ürgüp sind alle Patienten doch merkwürdig ruhig…

Trotzdem ist der Markt ein ganz eigenes Erlebnis.

Die Stände sind farbenfroh mit allen erdenklichen Obst- und Gemüsesorten drapiert, es gibt Kräuter, Gewürze, Nüsse und Fische, nur Fleisch können wir nirgendwo erspähen. Das ist auch nicht so wichtig, aber Ute möchte gerne Roggenmehl und wir unbedingt frisches Koriander kaufen. Leider wissen wir die Namen nicht und schon geht‘s los. Eine Dame neben uns zückt ihr Telefon, ruft jemanden an und erzählt dem Gesprächsteilnehmer etwas, das wir nicht verstehen. Dann drückt sie Jupp den Hörer in die Hand, der nun wiederum nicht weiß, mit wem er spricht. Es geht hin und her, Jupp versucht in bestem Englisch zu erklären worum es geht, dann geht das Telefon zurück zur Besitzerin, dann kommt es zu mir, zurück zur Besitzerin...irgendwann haben wir es dann. Koriander heißt Kizmiz oder so ähnlich und auf dem Markt hat es derzeit keiner. Beim Tee treffen wir dann noch ein türkisches Ehepaar, das in Deutschland lebt, und so kommt Ute, wenn auch nicht zum Mehl, doch wenigstens zum Namen.

Am nächsten Morgen sprühen alle vor Energie, es wird mal wieder gequatscht ohne Ende und die Abfahrt von Ute und Holger zieht sich derart in die Länge, dass unterdessen Anja und Peter auftauchen. Großes Hallo und dann doch Abschiednehmen, denn auch wir brechen nun langsam in Richtung Georgien auf. Innerhalb von 3 Tagen fahren wir fast an die Grenze. Unterwegs stoppen wir an jedem Laden für Bau- und Sanitärmaterial, den wir sehen, denn von unserem Rohr, in dem sich die Angeln befinden, ist ein Deckel auf der Verlustliste. Einen Deckel finden wir nicht, aber Spaß macht die Suche dennoch. Jupp springt zum ungezählten Mal aus Monster als ein Türke auf ihn zusteuert, der sich auf die Brust klopft und ruft:“ Turkiye“, woraufhin Jupp ebenfalls zum Brustklopfer wird und laut:“ Alemani“ ruft. Der Türke lacht, fällt Jupp um den Hals, küsst ihn mehrfach und führt ein kleines Tänzchen auf, begleitet von „Turkiye und Alemani“ Rufen. Die deutsch-türkische Freundschaft existiert immer noch.